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Interview Mag

 
 

DJ Hell
Deejay-Legende, Schallplattenunterhalter, Mann von Welt mit eigenem Parfüm

 
"Ich will meine Zukunft zurück"

Über Deejaykult, Italo-Pop, Snowdon, Westbam und Zukunft

 

Er gehört zu den letzten Granden einer Ära, die als Techno zumindest bei Großereignissen seit Jahren eher an Disneyland erinnern als an Nachtkultur. DJ Hell (bürgerlich Helmut Josef Geier; Jahrgang 1962, Altenmarkt an der Alz) hat wohl in allen Lokationen dieses Planeten, die im Nachtleben etwas taugen, seine Musik und seinen Sound präsentiert. Die großen Jahre der Techno-Jahre verbrachte er an vorderster Front. Aber die Dinge des Techno haben sich in der zurückliegenden Dekade verschoben und normalisiert, viele Personen, die für überlebensgroße Personen hinter dem Mixpult verstanden haben, scheinen sich in Luft aufgelöst haben. DJ Hell dagegen scheint moderner denn je, und seine Bookings lesen sich wie ein internationaler Reisebericht.

Am 10. Juni gab sich Hell die Ehre, in der Chemnitzer Spinnerei aufzulegen. Einen Tag vor seinem Auftritt lässt er ohne Umstände und Geplänkel zum Interview zusagen. Und eines zeigt sich sofort: DJ Hell ist sympathisch, höflich und normal, hier in der Bar des Hotels an der Oper in Chemnitz erinnert er eher an einen Handlungsreisenden als an einen Fürsten der Nacht. Ein kleiner Beleg für diese Beobachtung: Anderthalb Stunden später beim Begleichen der Rechnung für einen Cappuccino und ein alkoholfreies Bier fragt der Bartender, mit wem denn das Interview geführt worden sei. Als er die Antwort vernimmt, flippt der junge Kollege hörbar aus: "Das war DJ Hell? DJ Hell an meiner Bar? Warum hat mir das keiner gesagt?"

Nicht viel später wird Hell dann ans Pult der Spinnerei treten, ein Sommerclub, wo Chemnitz wirklich cool und das Publikum nicht auf Zwischenfälle aus ist, sondern gemeinsam besondere Shows genießt. Und nach ein paar Minuten Liveaktion ist klar, dass DJ Hell eine gute, sichere, perfekte Buchung ist. Man tanzt, kommuniziert, trinkt und gleitet so allmählich weit weg.

In der 90ern setzte ein Deejay-Kult ein, der alles übertraf, was vorher in dieser Sache bekannt war. Keiner erinnert sich mehr daran, wozu das ganze Theater gut war. Oder sieht man das als Betroffener etwas anders?

Das war eigentlich später, denn in den 90ern schien das noch überschaubar. Früher war ein Deejay ja jemand, der in einem Nachtclub ein festes Engagement hatte und da das ganze Jahr aufgelegt hat. Deejays sind am Anfang nicht gereist, die hatten ihren festen Arbeitsplatz. Du warst Resident Deejay und du standest für einen spezifischen, ortsgebundenen Sound. Später, vielleicht so ab 1995, gab es dann plötzlich professionelle Booking-Agenturen mit Reiseplanung und Artist-Management.

Wann hatten Sie Ihren ersten Manager?

Ich hatte nie einen Manager, weil ich schnell gelernt habe, mein eigener Berater zu sein. Seit Mitte der 90er war ich dann Manager und Förderer für Künstler, die ich entdeckt habe. Nur lief das für mich nicht unter dem Titel "Manager", sondern ich habe meine Erfahrungen weitergegeben und Talente gefördert.

Aber dieser Deejay-Kult hat ja existiert und existiert noch?

Im Augenblick geht es ja darum, wer im Privatjet fliegen darf und wer die Linienflüge buchen muss, das ist so eine Abgrenzungsgeschichte mit Statussymbolen. Bei Linie hast du eben deine festen Abflugzeiten und im Privatjet geht es los, wenn die Starterlaubnis vorliegt. Und dann gibt es noch diese Kategorie wie Calvin Harris oder ein David Guetta, der keinen Privatjet mehr nimmt, sondern eine Boeing 747, auf der sein Name steht. Aber er soll ja bis zu 30 Millionen Euro im Jahr verdienen.

Also gibt es diesen Kult doch auf eine bestimmte Weise.

Ja. Was ist heute ein Traumberuf von jungen Leuten? Die wollten früher Fußballprofi oder wahlweise Model werden, aber jetzt lieber wollen alle weltweit Deejay werden.

Nichts macht schneller alt, als der immer vorschwebende Gedanke, dass man älter wird, meinte Lichtenberg. Wann merkt ein erfolgreicher Nachtarbeiter wie Sie, der sicher noch ewig gebucht werden wird, dass er eigentlich zu alt für den Job ist?

Ich glaube, dass es da vom Körperlichen Einschränkungen und deutliche Zeichen gibt und sicher auch vom Geistigen und Spirituellen, dass man der ganzen Belastung nicht mehr standhält. Oder es gibt die Erscheinung, dass man musikalisch unverständlich wird. Ich spiele normalerweise zwei bis drei Shows pro Woche. Letzte Woche hatte ich aber fünf Shows in mehreren Städten und da hilft nur noch strenge Disziplin, gute Ernährung, viel Schlaf wie ein Spitzensportler, Sport und dass man drogen- und dopingfrei ist.

Wie bewerten Sie das Phänomen des Italo-Pop aus dieser Zeit, reale Erscheinungen wie Den Harrow, Fun Fun oder Valerie Dore, bei denen man - egal, wie man zu deren Musik steht - prinzipiell lauter dreht, wenn sie im Autoradio laufen?

Nur in der kürzeren Historie. Es gab noch Joachim Rother, der wohl 1966 eine Bronze-Medaille bei der Europameisterschaft holte und später ein bekannter Trainer beim SC Karl-Marx-Stadt war. Der wäre locker vor mir einzusortieren.

Die 80er haben Kultur, Kunst, Literatur und sicher auch die Popmusik haben die westliche Gesellschaft stark beeinflusst - mit Auswirkungen bis in die unmittelbare Gegenwart. Welche schönen Erinnerungen an diese Zeit?

Ich bin der Meinung - und nicht nur aus musikhistorischer Sicht, dass in den 80ern viel definiert wurde, Musik-Stile, die damals erfunden wurden, im Übrigen auch in der Literatur, Filmkultur und in der Mode. Insgesamt eine sehr offene Zeit, in der viel möglich war, heute sprechen die Leute vom 80er Phänomen. Es war in meiner Entwicklung als Deejay und Produzent das prägende Jahrzehnt und auch von vielen anderen Kreativen.

Dieses Phänomen ist mir nicht unbekannt - von beiden Seiten. Aber wer dann das erste Mal bei einem Konzert der Pet Shop Boys oder Spandau Ballet ist, findet das sehr schnell cool.

Ganz klar: Spandau Ballet, eine hervorragende Band mit großartigen Pop-Songs, und die Pet Shop Boys sind unbestritten eine der erfolgreichsten Elektro-Pop-Gruppen aller Zeiten.

 
 
DJ Hell, Chemnitz, Hotel an der Oper, 2016. Foto: Kreißig
 
 

Die Jugendkultur in Ost und West war sich in dieser Zeit durch Popmusik und Videos viel näher als den Ideologen beider Seiten recht war. Oder hat man das nur auf der Ostseite so empfunden?

Nein, das war genau genommen auch im Westen so. Deutschland war für mich immer Ost und West zusammen. Auf meiner Musik-Kompilation Coming Home sind auch CITY, Nina Hagen oder Reinhard Mey dabei. Im Westen wurde ich wegen dieser Zusammenstellung kritisiert. Die Radiowellen sind natürlich auch von der anderen Seite rübergeschwappt, und so habe ich auch in Westberlin gelegentlich DT gehört. Leider gab es in der elektronischen Musik in der DDR wenig Bekanntes für mich. Zur entscheidenden Situation wurde dann der Mauerfall, denn das war der Startschuss für die deutsche Techno-Revolution, speziell in Berlin. Das ist bis heute die Feiermetropole weltweit, es gibt nichts Vergleichbares.

Bei genauerer Betrachtung ist Schönheit nie ein Trost, meint der japanische Autor Mishima. Stimmt oder nicht?

Würde ich nicht unterstellen. Schönheit kann in jeder Lebenslage ein Trost sein oder auch einen schönen Anblick ergeben. Also lieber Schönheit.

Sie machen einen Gig in Südostasien und wollen hinterher noch drei Tage in der Gegend ausspannen. Wo geht es hin?

Ehrlich gesagt bin ich ja als Deejay ein Vielzuvielreisender. Wenn ich in Asien einen Gig spiele, dann sehe ich meistens, was die Hotels für ein Programm haben und dann reise ich nicht weiter, sondern bleibe drei Tage in dem Hotel und lasse mich da verwöhnen, gehe ins Museum oder besuche befreundete Künstler.

Sie kommen aus Bayern und müssen sich da auskennen: Lieblingssatz aus der Bibel?

Ich habe vor kurzem erst die zehn Gebote noch mal aufgeblättert; ich wusste nur noch vier… Also: Achte deinen Nächsten.

Edward Snowdon, der unter Lebensgefahr die Karten auf der Welt der Geheimdienste auf den Tisch gelegt hat, durfte vor wenigen Tagen aus Deutschland hören, dass er womöglich ein russischer Spion sei. Ihre Meinung bitte zu seinem Lebenswerk?

Jetzt weiß jeder, was ein Whistleblower ist und was Snowdon aufgedeckt hat, unterstütze ich in jeder Form. Der Verfassungsschutzchef verbreitet hier dubiose Ansichten und Meinungen.

Lenin und Mao wollten, dass alle Menschen gleich denken, aus künstlerischer Sicht auch Brecht und in gewisser Weise auch Warhol. Doch heutzutage wollen das sogar Regierungen in westlichen Demokratien, dass alle Bürger gleich denken. Wie konnte es dazu kommen?

Ja, das ist sehr bedenklich. Solche Intentionen gehen auf Reflexionen von George Orwell zurück, die er in 1984 beschrieb und das natürlich nicht wollte. Doch ehrlich gesagt: Ich habe es damals schon geglaubt, dass es mal so kommen könnte.

Sie arbeiten schon eine Ewigkeit in einer Branche, die für den Augenblick lebt. Denkt man da noch über die Zukunft nach?

Wir kamen aus einer neuen Ideologie, einer neuen Welt. Die Neue-Deutsche-Welle-Bewegung gab Parolen vor und Bands wie Fehlfarben, Einstürzende Neubauten, DAF oder Abwärts gaben "den Ton an". Hier lautete das Motto No Future oder: "Mach kaputt, was dich kaputt macht / Verschwende deine Jugend, so lange du noch kannst!" Wir dachten alle damals, dass die wir eh keine Zukunft haben und waren deshalb nicht gleichgeschalten. Man muss mitnehmen, was möglich ist und keine Kompromisse machen; das haben wir lange gelebt. Aber ich bin jetzt 53 und denke auf jeden Fall über meine Zukunft nach. Meine neue Formel lautet: I want my future back. - Freunde sagen oft, dass man sich so verändert hat in den Jahren. Dann antworte ich: Hoffentlich bin ich nicht der Idiot, der ich damals war. Natürlich denke ich darüber nach, was die nächsten fünf, zehn oder zwanzig Jahre bringen. Wie lange kann ich noch Deejay sein? Wie lange kann ich das noch glaubwürdig verkörpern? Das meine große, neue Herausforderung, dass ich auch im hohen Alter noch verständlich bleibe, dass ich cutting-edge bleibe und nicht Mainstream. Sich immer wieder neu erfinden, ist die einzige Möglichkeit weiter künstlerisch tätig zu sein.

Ihr Kollege Westbam hat die Aufgabe seiner Auftritte mal damit umrissen, "die Leute ein paar Stunden aus ihrem selbstverschuldeten Stumpfsinn" zu erretten. Was ist die Aufgabe von DJ Hell, wenn er heute Nacht seine Schicht antritt?


Das Zitat kenne ich nicht. Ich schätze Westbam über alles. Aus unserem Umkreis ist er sicher derjenige, der am weitesten vorgedacht hat, der wirklich auch wegweisende Ideen und Slogans hatte. Er war ein Vordenker und Philosoph: Ohne Westbam wäre in der deutschen Techno-Szene vieles anders gelaufen. Ich vermute, dass diese Aussage mit dem "selbstverschuldeten Stumpfsinn" eher leicht provokativ ausgelegt war. Er hat zum Beispiel auch gesagt, dass das Deejay-Leben komplett asozial ist: Wir schlafen tagsüber, arbeiten nachts, gehen nicht in den Supermarkt, wissen gar nicht mehr, was da zu welchen Preisen angeboten wird, du lebst zeitweise in einer völligen Traumwelt, um dich herum sind ständig Leute, die alles Mögliche in deinem Leben organisieren, du selbst bist immer nur auf der Party oder Studio oder auf dem Weg dahin. Er hat das vielleicht etwas flapsig formuliert. Aber den ersten Teil würde ich stehen lassen: Dass man den Leuten ein Gefühl gibt, für ein paar Stunden alles auszublenden. Das ist wirklich okay, das kann auch wahnsinnig euphorische Momente ergeben, das kann mich selber weiter inspirieren. Es gibt sogar Leute, die mir erzählt haben, dass sie sich auf meiner Party kennengelernt und später geheiratet haben oder Menschen, die durch meine Musik ihr Leben änderten. Für mich ist jede neue Party gleich wichtig, egal, ob ich heute in Chemnitz spiele oder letzte Woche in Kopenhagen, dann in Lille, London und dann wieder Berlin. Der Ort ist zweitrangig, im Vordergrund stehen für mich die gleiche Herangehensweise und die gleiche Motivation. Anders wäre es für mich auch nicht interessant. Zu sagen, ich bin jetzt hier in einer kleineren Stadt als London oder Berlin und da gebe ich nur 50 Prozent, wäre auch nicht seriös. Die Leute auf den Partys haben eine bestimmte Erwartungshaltung, und ich muss sehen, wie sie reagieren, Schwingungen aufnehmen und alle Gegebenheiten genau analysieren, um ein perfektes Set zu liefern.


Wer eine Kunst verstanden hat, verfügt meistens noch über die Fähigkeit für eine zweite. Welche ist das bei Ihnen, von der wir noch nichts wissen?

Zurzeit schreibe ich sehr viele Texte für mein neues Album. Das habe ich noch nie vorher gemacht. Ich schreibe viele Balladen und Liebeslieder im Moment. Aber ich singe nicht selbst. Dafür gibt es Profis und Sänger aus anderen Epochen, die dafür ins Studio geladen werden.


Glamour ist das Land, in das die meisten Menschen nie einreisen können und dennoch versuchen es so viele. Was ist für Sie Glamour?

Über all die Jahre ist Glamour für mich einfach Aufmerksamkeit, Zurückhaltung, Respekt gegenüber anderen und Bescheidenheit geworden.

Sie kommen aus der Chiemsee-Gegend, ein wunderbarer Landstrich. Dort, genau in Traunreut, findet man auch das Maximum vom Galeristen und Sammler Heiner Friedrich. Schon mal dort gewesen?

Total überraschend. Ich war da vor ein paar Jahren, Andy Warhol und das mitten im Niemandsland. Ist mir auch fast unerklärlich, eine Sammlung auf so internationalem Level. Ich war da an einem Nachmittag fast alleine im Museum. Wirklich beeindruckend.

Für jemanden, der in seinem Beruf permanent weltweit unterwegs ist, dürfte Heimat eine besondere Bedeutung haben. Was ist Heimat für Hell?

Überlege ich auch immer. Heimat ist natürlich dort, wo man herkommt. Ich könnte auch Berlin sagen, weil ich da 15 Jahre gelebt habe. Ich kann mich da schnell anpassen. Aber ich hätte Heimat auch zu New York sagen können, als ich zweimal länger dort gelebt habe. In Manhattan haben mich Touristen nach dem Weg gefragt, und ich konnte ihnen weiterhelfen.

In der zeitgenössischen Kunst gibt es den inzwischen sehr gedehnten Begriff der Konzeptkunst. Passt der in gewisser Weise auch zu Ihrer Musik?

Mit Teufelswerk hatte ich ein Konzeptalbum. Das neue Album dagegen entspricht nicht einem strengen Entwurf. Aber es ist für mich ein neuer möglicher Weg. Ich wollte mich nicht musikalisch wiederholen, sondern neue Wege beschreiten. Ich bin seit 35 Jahren Deejay und seit 25 Jahren Produzent. Da muss man schon wirklich tief eintauchen, um etwas völlig neues zu entwerfen und nicht auf Vertrautes zurückgreifen.

Fragen des Sinns, früher ein elementarer Bestandteil der Religionen, sind ja in der Welt des Westens ja überlagert worden von Ruhmsucht oder der Jagd nach Geld. Sie sind ständig in der Welt des Glamours unterwegs, so im Juli auf Ibiza im Luxuspartyhotel Santos Ibiza Coast Suites, wo ein paar Kilometer östlich die Boote mit Migranten, die hoffen, ein neues Leben zu finden, vorbeifahren. Können da Fragen des Sinns überhaupt eine Rolle für Sie spielen?

Ja, jeder stellt sich die Frage nach dem Sinnvollem und dem Sein. Und gerade beim Thema Ibiza Wonderland - hier wird seit Mai gefeiert bis Oktober und das muss man sich schon mal reinziehen, um ein klares Gesamtbild zu bekommen - steht schon die Frage im Raum , ob es im Moment angebracht ist, da durchzufeiern, ohne zu reflektieren und alles zu ignorieren. - Es ist nicht der Moment dafür, finde ich, aber es werden bis zu acht Millionen Besucher im Sommer 2016 auf der Insel erwartet Gerade die gesamte EU-History ist an einem kritischen Punkt angelangt, wo keiner weiß, wie die nahe Zukunft bringt. England geht raus aus der EU und was passiert mit Griechenland und der Türkei?

Aber die Distanz zur EU und zu ihrer Politik gibt es nach meinem Eindruck in immer größeren Teilen der Bevölkerung, in Ost- wie in Westeuropa. Und immer mehr Menschen finden es nicht mehr in Ordnung, dass wichtige Fragen genau gegenteilig zu ihrer Auffassungen entschieden werden, teilweise ohne demokratische Entscheidungswege wie bei TTIP.

Man speist die Menschen mit Statistiken und Behauptungen ab, die die Entscheidungen und darauf folgenden Handlungen von Berlin oder Brüssel untermauern sollen. Das ist auf Dauer kein gültiges und erfolgversprechendes Konzept.

Worin besteht die Exklusivität der Form der Kultur, der Sie nachgehen?

Techno ist mein Leben. (DJ Hell)
Ich werde im Sattel sterben. (Rolf Bossi)
Es wird immer weiter gehen - Musik als Träger von Ideen (Ralf Hütter)
The Exhibitionist (Jeff Mills)

Mit Ihrer Plattenfirma Gigolo Records auch Geld verdient?

Es wurde zwischenzeitlich auch Geld verdient. Wir hatten viel Erfolg, aber nach zwei Insolvenzen des Vertriebspartners innerhalb von fünf Jahren ist es schwierig, ein Label am Leben zu halten. Die Platten und CDs wurden verkauft, aber es kam kein Geld von den Verkäufen zurück. Da haben wir echt die Luft angehalten. Aber wenn man mal den Katalog ansieht, was da in 20 Jahren passiert ist - über 300 Veröffentlichungen - da stellt man schon fest, dass es wenig Vergleichbares gibt. Im Moment ist Gigolo ein exklusives Kunstprojekt.

 
 
DJ Hell im Stil des frühen Bowie. Foto: Daniel Mayer (PR)
 
 

Der Kapitalismus und in gewisser Weise auch die Politik scheinen ja die Kontrolle über das Land verloren zu haben.

Ja bestimmt.

Ein paar Details erinnern die Älteren an die Endzeiten der DDR oder täusche man sich da?

Was das betrifft, kann ich nicht mitreden… Aber die Leute haben eindeutig das Gefühl, dass sie die Politik im Stich lässt, auch in vielen alltäglichen Fragen wie Kinderbetreuung, Renten oder in der Altenpflege, wo zum Teil untragbare Zustände vorherrschen. Ich denke, da lässt die Regierung die Bürger und Familien schon lange mit ihren Ängsten allein. Es scheint mir daher nicht wirklich überraschend, dass neue Parteien einen solchen Zulauf gefunden haben. Im Moment ist eine Situation entstanden, die so nicht vorhersehbar war.

In der Zeitschrift Intro hat man Sie mal zu einer Art Guru erklärt. Doch dann verschwinden auch Sie plötzlich und man liest Jahre nichts mehr über Sie. Welche Beziehung zur wankelmütigen Musikpresse - national wie international?

Intro gibt es noch?

Ich denke schon.

Jetzt ist es schon so weit, dass man nicht mehr weiß, ob das Intro überhaupt noch existiert… Intro war aber immer eine sehr breit aufgestellte und durchaus auch eine differenziert angelegte Publikation, kostenlos.

Aber auch wankelmütig.

Ich will mich da nicht überhöhen, aber dass man in der Presse in Deutschland Leute, die zu populär sind, eher mit gemischten Gefühlen beobachtet, ist keine neue Entdeckung. So meinte man am Anfang im Berghain, wir wollen nicht mit dir kooperieren, weil du zu sehr in der Öffentlichkeit stehst und Teil des öffentlichen Lebens bist, und das schneidet sich mit unserer Philosophie.

Aber das ist doch sicher vorbei…

Inzwischen habe ich die Panorama-Bar vom Berghain mehrmals bespielt. Ich bin ja noch aus dem alten Berlin der 90er mit Auftritten im E-Werk, Tresor, Planet, WMF und Elektro. Meine Intention als Deejay war ja immer, dass ich neben den Clubs eben auch zu Pariser Prêt-à-Porter-Shows von Donatella Versace oder zu 50 Jahre Playboy in der Playboy-Mansion was zu sagen habe und damit meine Musik einem neuen Publikum vorstelle. In der Playboy Mansion in L. A. habe ich auch Italo-Disko aus den 80ern gern aufgelegt, sozusagen die goldene Playboy-Zeit. Bei Donatello Versace wurde dann harter Acid-House-Sound gemixt. Das war schon fast missionsartig.

 
 
DJ Hell. Foto: Daniel Mayer (PR)
 
 

Jeder Künstler war einmal neu - im Sinne von cool und durchgesetzt gleichermaßen. Wann waren Sie neu?

1992. Meine erste Platte My Definition of House Music. Für mich neu war: Wie verhält sich das Publikum in Paris auf Szenepartys in irgendwelchen Katakomben, in Chicago auf Warehouse Parties oder in New York in einer umgebauten Kirche. Das war eine harte, aber die beste Schule, nicht nur immer vor deinem Publikum zu bestehen, sondern vor verschiedenen Nationalitäten. Das ist dann die hohe Schule der Deejay-Art.

Die Menschen im reichen Westen wussten nichts mehr von der Sache, dass umgesetzte politische Parolen und deren Folgen auch die eigene Haut treffen können. Der Slowene Slavoj Žižek, der Startheoretiker der radikalen Linken, sieht im Gespräch auf sueddeutsche.de durch die Entwicklungen vom Spätsommer 2015 inzwischen "das Beste und Wertvollste an Europa" bedroht: "Universalismus, Menschenrechte, Solidarität, Aufklärung".

In einem Titel meines neuen Album werden wir das textlich reflektieren: Wir reiten durch die Nacht, greifen zu den Waffen und reißen die Menschen aus dem Schlaf.

Ich erhoffe nichts, ich fürchte nichts, ich bin frei, schrieb Nikos Kazantzákis, Autor von Alexis Sorbas und Die letzte Versuchung Christi. Ist Hell frei?

Ich war immer frei und werde immer frei sein.


Interview: Uwe Kreißig

 
 
Promotion
 
Interceptor - der Verschwörungsthriller von Jay Michel Ellis
 
Die deutsche Hauptstadt vibriert im Spätsommer 2015 als Weltmetropole von Politik und Kunst. Zur gleichen Zeit ziehen durch Osteuropa kolossale Menschenströme aus dem Nahen Osten, Mittelasien und Afrika, geleitet durch Schlepperbanden und bestärkt durch leichtsinnig agierende Regierungen, die Ausmaß und Motive der Wanderung auf eine ideologische Weise interpretieren. Das Ziel der Migranten sind die reichen Länder Westeuropas. Im Berliner Kanzleramt berauscht man sich an einem späten Augustabend im engsten Kreis um Kanzlerin Barbara Weller an einer riskanten Idee, über deren mögliche Folgen man sich zunächst keine Gedanken machen will. Mit der weltweiten Verkündung einer offenen deutschen Grenze und einer oberflächlichen Integration der Migranten will die Bundeskanzlerin die Kandidatur als neue UNO-Generalsekretärin anbahnen. Ein Triumvirat beschließt in einer informellen Beratung, die Realität zu kuratieren. Aber die Geheimoperation entwickelt bald ein ungeplantes Eigenleben. Ein Verschwörungsthriller als Referenz an "Ghostwriter" von Robert Harris.

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