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Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern?

 

Leo Fischer und Paula Irmschler langweilen im ausverkauften Tesla, Timo Blunck zieht im leeren Subways to Peter die coolste One-Man-Show des ausgehenden Winters durch

 

Die Gaststätte Nikola Tesla am Fuße des immer etwas schnuddeligen Sonnenbergs (ich darf das sagen, der Rezensent hat seine ersten 18 Jahre an der Hainstraße zugebracht) ist am Abend des 5.April 2018 dank wochenlanger gesponserter Facebook-Werbung nahezu ausverkauft. Die Datenklau-Firma funktioniert also prima. Kein Wunder, denn seit wenigen Tagen wissen wir ja, dass nicht Putin und seine Spießgesellen Donald Trump mit Fake News, dunklen Geschäften und Nuttenerpressung ins Amt gehievt haben, sondern die Wunderknaben aus Menlo, die von einer Betrügerbude aus London gelinkt wurden.

Man erwartet Ex-Titanic-Chefredakteur Leo Fischer und als Co-Leserin Paula Irmschler, die mit einer Stunde Verspätung dann auch pünktlich beginnen. Nach dreißig Minuten macht sich im Auditorium unverkennbare Ernüchterung breit; selbst auf dem Lesepodium wird mehr gelacht als in den Reihen. Die Mehrzahl der Gäste hat offenbar linksradioaktive Texte erwartet, die einen so richtig an den Latz geknallt werden, damit man sich für Klassenkampf und Revolution wieder rüsten kann. Stattdessen dreht es sich um WG-Geschichten, wo die Milch im Kühlschrank fehlt, ein bisschen Satire über die Memoiren der Lustgreise Fleischhauer, Sloterdijk und Walser, von denen die meisten im Publikum noch nie gehört haben, geschweige denn etwas gelesen haben. Dann kommt noch etwas zum "Containern". Erst als Frau Irmscher ankündigt, dass es jetzt endlich ums Ficken gehe, gibt es einen kleinen Jubelruf im Publikum. Das alles ist nahe dran an Opas Satire und FAZ-Feuilleton, man glaubt es kaum. Aber auch Ex-Titanic-Chefredakteur und Euro-Bonze Martin Sonneborn hatte es vor seiner Abzocker-Karriere im Europa-Scheinparlament ja drauf, zur Ostsee-Sommertournee in Prerow im Abstand von zwei Jahren einen nahezu identischen Auftritt abzuliefern, was nicht weiter auffiel, weil man die Eulenspiegel-Leserentner im Publikum komplett ausgetauscht hatte.

 
 
Leo Fischer und Paula Irmschler sind wirklich sehr sympathisch, aber ihr Publikum im Nikola Tesla war irgendwie am falschen Ort. Fotos (2): Kreißig
 
 

Im zweiten Teil nach der Alkoholnachkaufpause dreht das Duo etwas höher. Es ist freilich immer noch langweilig genug, sodass eine junge Social-Media-Artistin bei Fischers Zeilen über den Boom der Burger-Läden in der Frankfurter Kaiserstraße, die Namen wie Börger-Hospital oder Börgerlich tragen, tatsächlich auf dem harten Stuhl einschläft. Dann referiert Fischer noch über die unbekömmliche "Kultur-Brezel", die tatsächlich in allen Kulturhäusern dieses Landes Einzug gehalten hat. Außer im Tesla natürlich, wo es nur Chios-Chips gibt. Erst als Paula Irmscher über den Schauspiel-Großmagier Lars Eidinger zu lästern beginnt, kommt noch mal etwas Fahrt auf. Aber der riesige Lars Eidinger, der in seinem Haustheater Schaubühne auch gern mal von älteren, unbekannten Kollegen an die Wand gespielt wird, ist nun auch wieder nicht die Zielgruppe, die im Tesla heute irgendwie zu jung ist. Da versickern Gags wie "der Schauspieler seiner Generation", der "einzige Schauspieler der Welt, der ein zweieinhalb Meter hohes Porträt von sich in der Eigentumswohnung" hängen hat und der als "wahrscheinlich bester Schauspieler der Welt" (O-Ton) ständig darüber jammert, dass er "zu viel Geld verdient", im kalten Musikklubdunst. Niemand lacht außer ich. Immerhin hat man so die Muse, nebenbei in einem herumliegenden 371-Stadtmagazin nach einer Alternative für den Rest des Abends zu suchen. Und siehe da: Im Subway to Peter hat sich ein Herr angekündigt, der sein Buch "Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern" vorstellen möchte. Das ist doch was für uns 80er-Rentner.

Also steigt man in die Stufenheck-Limousine und verändert nur seine Position im Verhältnis zum Mittelpunkt des Sonnenbergs, was der Lessingplatz sein könnte. In der guten alten Tante Subway sind tatsächlich sieben Gäste und zwei Mann Bedienung anwesend, die scheinbar alle Kette rauchen. Die fünf Euro Eintritt sind genau die Hälfte des Obolus' für das Humorduo im Tesla, die der diensthabende Uwe I schuldbewusst eintreibt. Bereits nach wenigen Minuten zeigt sich, dass man hier sein Geld besser angelegt hat. Blunck (Jahrgang '62) sieht, trotz angeblicher Rausch-Eskapaden, glänzend aus, als wäre er gerade einem Sauerstoffzelt eines Kosmetikinstituts am Jungfernstieg entstiegen. Vor allem aber ist er witzig und selbstironisch, was man von einem Werber, der inzwischen gar Mitglied im exklusiven Art Directors Club Deutschland(ADC) ist, nicht unbedingt erwarten darf.

 
 
Timo Blunck war einst Bassist der Popper-Punkband Palais Schaumburg und mit 19 auf dem Höhepunkt seiner Künstlerkarriere. Er hat sich wirklich glänzend gehalten, wie man auf dem Foto im Subway to Peter gut erkennen kann.
 
 

Mit 19 war er am Höhepunkt seiner Karriere angelangt, meint er, er habe das leider erst 30 Jahre später erkannt. Palais Schaumburg, wo Blunck den Bass bekommt, wird mit den Einstürzenden Neubauten, Malaria! und später Belfegor sogar ein Export-Artikel des deutschen Punks in das Musiker-Traumland USA. In New York spielt man in der Danceteria ein Solokonzert, höher geht's nicht mehr. "Sade arbeitete hinter dem Tresen, Keith Haring und die Beastie Boys kellnerten, LL Cool J war Fahrstuhlführer", schreibt Lucy O'Brien über diese Lokation im New York Anfang der 80er, die damals schon cooler gewesen sein soll als das berühmtere Studio 54. Eine spätere Deutschland-Tournee bestreitet die Band schließlich mit Kurtis Blow, einem der Großmoguls des frühen Raps aus New York und mit Grandmaster Flash bis heute unser Held. So etwas bleibt für immer in der Szene haften.

Nach zehn Minuten hochkarätiger Blunck-Unterhaltung, der sich von niemanden in seinem Abendplan abbringen lässt, nicht mal von einem angetrunkenen Groupie, das sächsisch spricht und ein wenig nervt, ist man erstaunt, was hier noch läuft. Das ist also der düstere Sonnenberg um 23 Uhr, wo man einst jede Drecksecke kannte. Im Subway-Keller läuft eine One-Man-Show von Schriftsteller, Bassist, Sänger, Erzähler, Gitarrist und Popfotorätselmacher. Das hier ist schon fast Weltkulturhauptstadt, wenn nicht die wenigen Besucher eine andere Sprache sprechen würden. Oder gerade deshalb, weil es so exklusiv ist.

Blunck ist jetzt mindestens so ironisch wie King Rocko Schamoni in Hochform und im Dialog mit Tex. Das hier ist besser als eine Essenz aus 23 Spex-Ausgaben und vierzehn verklärenden Westpunk-Erinnerungsbüchern. Blunck erzählt etwas vom Flachdachhaus mit schöner Küche, was im Subway keiner versteht, aber die kleine Publikumscrew hält dennoch zusammen. Immerhin sind wir fünf mehr als in Dresden, wo er seinen Publikumsnegativrekord mit zwei Besuchern erlebt haben will. Dann kommt noch mein alter Stammbesucher vorbei, der meint, ich solle wieder "in Galerie" machen, was mein Image stark aufwertet. Und Uwe I kann Bluncks nächstes Poprätsel nicht beantworten, doch Andy aus England weiß, wer in der Fac 51 Haçienda in Manchester das Sagen hatte. Er bekommt dafür das schwarze T-Shirt mit dem Aufdruck "Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern?" zugeworfen. Einfach so. Das will man auch haben. Blunck legt dann noch mal nach. Jetzt wittere ich eine Chance. Auf dem Foto, ja, das ist New Order. Ich, also Uwe II, bekomme mein T-Shirt, und Blunck schätzt mich auf L ein, obwohl ich lieber eine M hätte. Die L ist meistens zu weit für mich.

Ausgerechnet vor der Zugabe kommen ein paar Jungschis, die dem Titanic-Elend bis zur letzten Wortzuckung gehuldigt haben. Sie outen sich freiwillig als PARTEI-Mitglieder, für die der Besuch bei Leo Fischer, der Mitglied des Politbüros der poststalinistischen PARTEI ist, ein Parteiauftrag war. Und sie verstehen als Mitglieder einer Spaßpartei selbstverständlich keinen Spaß. Vorn beginnt Blunck nämlich von "Koks und Nutten" zu singen und ihre Gesichter versteinern. Meint der das etwa ernst, im Zeitalter von Me-toooooo? Selbstironie ist in der PARTEI ein unbekanntes Land. Ihr Parteiorganisator ruft "Schnell weg von hier", und sie ziehen geschlossen zur Bar ab, um Alkohol nachzuordern. Freilich: Wenn morgen das Politbüro der PARTEI den Freiheitssong "Koks und Nutten" zu einem linken Arbeiterklassiker erklären würde, müssten sie sich in der Kaderpartei doch damit anfreunden.

Gegen 0.45 Uhr ist auch in der kriminellen Sonderzone Sonnenberg nichts mehr los. Ich bin allein auf den gefährlichen Ghetto-Straßen und rette mich in mein glänzendes Auto. Selbst Bluncks neuer skandinavischer SUV (nicht der ganz Dicke) bleibt an der Peterstraße unbehelligt. Was ist hier los?

Uwe Kreißig

 
Video
Timo Blunck
Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern?
 
 
 
 
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Interceptor - der Verschwörungsthriller von Jay Michel Ellis
 
Die deutsche Hauptstadt vibriert im Spätsommer 2015 als Weltmetropole von Politik und Kunst. Zur gleichen Zeit ziehen durch Osteuropa kolossale Menschenströme aus dem Nahen Osten, Mittelasien und Afrika, geleitet durch Schlepperbanden und bestärkt durch leichtsinnig agierende Regierungen, die Ausmaß und Motive der Wanderung auf eine ideologische Weise interpretieren. Das Ziel der Migranten sind die reichen Länder Westeuropas. Im Berliner Kanzleramt berauscht man sich an einem späten Augustabend im engsten Kreis um Kanzlerin Barbara Weller an einer riskanten Idee, über deren mögliche Folgen man sich zunächst keine Gedanken machen will. Mit der weltweiten Verkündung einer offenen deutschen Grenze und einer oberflächlichen Integration der Migranten will die Bundeskanzlerin die Kandidatur als neue UNO-Generalsekretärin anbahnen. Ein Triumvirat beschließt in einer informellen Beratung, die Realität zu kuratieren. Aber die Geheimoperation entwickelt bald ein ungeplantes Eigenleben. Ein Verschwörungsthriller als Referenz an "Ghostwriter" von Robert Harris.

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© 5.4.18, aktualisiert am 16.4.18 Reconnaissance Interview Mag