Reconnaissance
Interview Mag

 
 
"Die Zukunft wird nie kommen."
 

 
 

 

Der Roman zum Spätsommer 2015 und zwei Jahre danach:

Jay Michel Ellis

Interceptor

 
 
August 2015: Bundeskanzlerin Barbara Weller verkündet die Öffnung der deutschen Grenzen für Flüchtlinge, um ihre Kandidatur als UNO-Generalsekretärin anzubahnen
 

Die deutsche Hauptstadt vibriert im Spätsommer 2015 als Weltmetropole von Politik und Kunst. Zur gleichen Zeit ziehen durch Osteuropa kolossale Menschenströme aus dem Nahen Osten, Mittelasien und Afrika, geleitet durch Schlepperbanden und bestärkt durch leichtsinnig agierende Regierungen, die Ausmaß und Motive der Wanderung auf eine ideologische Weise interpretieren. Das Ziel der Migranten sind die reichen Länder Westeuropas. Im Berliner Kanzleramt berauscht man sich an einem späten Augustabend im engsten Kreis um Kanzlerin Barbara Weller an einer riskanten Idee, über deren mögliche Folgen man sich zunächst keine Gedanken machen will. Mit der weltweiten Verkündung einer offenen deutschen Grenze und einer oberflächlichen Integration der Migranten will die Bundeskanzlerin die Kandidatur als neue UNO-Generalsekretärin anbahnen. Ein Triumvirat beschließt in einer informellen Beratung, die Realität zu kuratieren. Aber die Geheimoperation entwickelt bald ein ungeplantes Eigenleben.

Zur gleichen Zeit erreicht der globale Kunstmarkt einen merkantilen Höhepunkt, der Anlass für opulente Vernissagen und Shows zur Eröffnung der Saison. Der neue Berliner Stargalerist Berger lädt seinen Jugendfreund Landgraf zu einer glamourösen Eröffnung in das ehemalige Staatsratsgebäude am Schlossplatz, wo dieser auf die Künstlerin Deirdre trifft. Nach einem Aufenthalt in einer Villa am Scharmützelsee verliert sich zunächst ihre Spur. Landgraf lässt sich auf eine Ermittlung nach den Hintergründen ein. Bald zeichnet sich ab, dass er einer Inszenierung folgen soll, die schließlich in einem Desaster endet. Er muss sich erinnern: an seine Vergangenheit, an seine Jugend in der DDR und an die ersten Zeiten der Liebe, um seine Zukunft zu behalten.

Zwei Sommer später kursiert in informellen Kreisen das Gerücht, dass ein ausländischer Geheimdienst über ein digitales Protokoll der Besprechung im Kanzleramt vom August 2015 verfügt. Unbekannte Informationen über geheime Absprachen zwischen zwei Regierungen als ursächlichen Auslöser der europäischen Flüchtlingskrise werden Landgraf zugespielt. Währenddessen läuft eine Geheimoperation unter dem Codenamen Interceptor an. Im September steht die Bundestagswahl 2017 an. Eine ausländische Macht legt Bundeskanzlerin Barbara Weller die Spielregeln vor: ein unkalkulierbarer Abstieg oder ein politisches Überleben nach den Regeln von Interceptor. Und sie wird alles tun, um an der Macht zu bleiben.

In seinem Roman spiegelt Jay Michel Ellis den Verrat zwischen Paaren, den Akteuren in der Kunstszene und in der hohen Politik. Mit Interceptor verfasst er einen Report über das Westeuropa der unmittelbaren Gegenwart, dessen Verständnis als letzter Vorposten der alten Zivilisation an Dekadenz, innerer Zerrissenheit der Nationen und moralischer Wehrlosigkeit erodiert. Ein Verschwörungsthriller als Referenz zum "Ghostwriter" von Robert Harris.

 
 
Leseprobe:
 
 

Prolog


Niemand wird wegen seiner Gedanken bestraft.

Justinian; Corpus iuris civiles


Niemand sucht sich die Zeit zum Sterben aus.
Das dachte sich Landgraf in diesem Augenblick. Ihre Riten und Denksysteme waren ausdruckslos geworden, als galt es immerfort, die Nutzlosigkeit individueller Anstrengungen durchzuspielen. Er wollte sich schütteln, um die psychosynthetische Übersättigung wie eine zweite Haut abzustreifen. Deirdre wünschte er ein flaches Ende.
Es ist jetzt vorbei.
Denke an das davor – was alles in meinem Unterleib getan wurde.
Landgraf reagierte nicht. Ihr Punch war makellos, makellos wie sie immer gewesen war. Ihre Worte schlugen an wie ein flüsternder Elektroschock, und es flirrten die angesüßten Bilder an ihm vorbei, doch zugleich rief dieser Ruck in ihm zurück, dass keine Erinnerung hässlicher verblasste als kalter Sex.
Sie hatte ihren Vorgang gleichsam annulliert, das erstorbene Material wie leichtes Geröll geräumt. Das immer ewige Finale: nichtssagende Stunden mit abwegigen Schätzungen, die provozierten Affekte und ihre niedrige Trägheit, das nachlässige Ausführen gedankenloser Übungen, so weit waren sie längst. Sollte er nach vorn lächeln?
Am seitlichen Horizont blinkten Lichter, die von einer durch chemische Vorgänge, Maschinenkult und fragwürdigen Philosophien zerschliffenen Kleinstadt durchschimmerten. Die letzten Ruinen der aufgelassenen Fabriken, die übergangslos aufzogen, repräsentierten eine unbewegliche, scherenschnittartige Drohkulissse. Es waren Kleinstädte, in denen er nie gewesen war. Die Silhouette beförderte in ihm die Annahme, dass man es im Osten als günstig begriffen hatte, fortdauernd das Gestern zu erwägen, einerlei, wie lang das schon zurücklag. An einer einsamen Stelle auf der Landstraße schien es ihm, dass die Rückkehr kein Ende mehr nehmen würde. Die Schilder kündeten von einer abgeschnittenen Provinz. Auf den Feldern neben der Straße rauchten die Reste der Hexenfeuer wie ausgebrannte Wigwams. Die Dorfjugend war vor dem Dauerregen in die billigen Kneipen geflohen. Über den Geraden schimmerte der stückweise Gegenstrom der Scheinwerfer wie der Taraxippos im Hippodrom, der die Pferde mit abgelenktem Sonnenlicht blenden und so zum Scheuen bringen sollte. Diese Erinnerung vereinfachte die Idee.
Aus den Augenwinkeln schaute er auf Deirdres strahlende Gelassenheit. Die Zeitfäden, die ihn eingewickelt hatten, ließen leichtsinnige Muster erkennen, eingeschrumpft waren die Abwägungen zu Brutalität oder Tod. Er versank in der metaphysischen Hierarchie.
Warum das alles, dieser Aufwand?
Was meinst du? Das Vögeln?
Der ganze Aufwand…
Weißt du... Der Aufwand. – Sie haben mich auch bei jeder Gelegenheit betrogen. Ich wollte sehen, ob ich es schaffe…
Du warst superb.

Sie unterbrach ihn: Antworten interessieren mich nicht mehr. Heiner Müller hat das mal gesagt, glaube ich. Und Berger braucht dich jetzt nicht mehr.
Deirdres Justiz. Alles klang so klar wie in einem Loop. Doch das Wort spielte keine Rolle. Er hatte ihr Image gemocht. Und er war anfällig auf diesen ausdruckslosen, schönen, gestylten Typ, der anders als Celebrities dennoch intelligent wirkte.
Sie nahm ihr Handy, um ihn anzustoßen, als wolle sie ihn nicht mehr berühren. Wir müssen jetzt hier aufhören. Hat er das angeordnet oder gibt es kein Geld mehr?
Es entgleitet mir zunehmend. Und Geld gibt es auch keins mehr.
Was ist die Wahrheit?
Die Wahrheit ist nie wichtig.
Warum nicht?
Weil dir die Wahrheit schaden wird.

Deirdre machte keine Hoffnungen auf eine eigene Lösung. Sie beschrieb die Sachlage zutreffend. Auch ihm erschien Liebe jetzt als ästhetischer Kitsch.
Ihre Lider waren geschlossen und die sonst anstandslos zur Schau gestellte Sexualität war verschwunden. Sie hatte immer Haltung bewahrt, selbst in unzulänglichen Situationen; Landgraf hatte sie nie unruhig erlebt. Das regungslose Gesicht und darin der Ausdruck geklärter Verhüllung, als fände sie, dass nichts und alles geschehen sei. Es waren Anlässe dritten Grades.
Er müsste es auf einen Versuch ankommen lassen und sie im nächsten dieser elenden Ostdörfer in die Dunkelheit der Provinz schicken; dann dürfte sie die weinrotglänzende Longchamp-Reisetasche in den öligen Dreck des Schnittgerinnes stellen und einmal von unübersichtlicher Angst kosten. Nur einmal wollte er den Mephisto geben, wie alle seiner Beschaffenheit. Jetzt wollte er sie doch psychisch aufschlitzen, neutralisieren, überwinden.
Das war ein Recht. Es war die persönliche, leicht aufgebauschte Ableitung, dieser unentbehrliche Anspruch, Recht zu beweisen.





Ich glaube, wenn man Gefühle einmal von einer anderen Warte gesehen hat, kann man sie nie wieder als echt empfinden.

Andy Warhol

 

Eine schleichende Schwäche bestimmte die Zeit des Wartens auf eine unbekannte Lösung. Insgesamt war er zu langsam geworden.
Die nach einem Unfall gesperrte Autobahn hat sie in eine unwirklich scheinende Landschaft geführt, Umwege auf plötzlich glatten Straßen mit wenig nachvollziehbaren Kurven, die man auf leicht verbreiterten, feudalalten Feldwegen anlegte. In die Fahrgastzelle ist die Abwärme des Motors gekrochen. Der Dacia 1310 wurde vor drei Jahrzehnten im Lande Ceausescus montiert. Dieses Auto ist in gewisser Hinsicht exquisiter als ein älterer Mercedes, jeder von ihnen weiß das. Den äußerlich polierten Youngtimer hatte Landgraf vor zwei Jahren gekauft, als ihn sein Kontostand nach einer gekoppelten Überweisung seiner Firma überrascht hatte. Die 8.000 Euro für das aufpolierte Auto erschienen ihm als Lustkauf zulässig, erinnerte ihn der Dacia doch optisch an die Jahre seiner Jugend, die er als glücklich in Erinnerung hatte, an unbeschwerte Abende in kleinen Jugendklubs, an die Frauen, in die er sich zwecklos verliebt hatte.
Eine variierte Plage legt sich durch seinen Kopf. Ein Schweißfilm schiebt sich zwischen Hände und den schwarzen Kunststoff des schmalen Lenkradkranzes. Es ist weit auf diesen Straßen voller Geisterheere. Er lacht der gottverlassenen, dürren Dorfnutte zu, die in ihrer weißen Glanzmontur neben der Abfalltonne einer geschlossenen Wurstbaracke an der Bundesstraße auf verlorene Trucker und betrunkene Diskogänger wartet. Gleich darauf drückt eine enge Kurve Deirdre an ihn heran, und er streicht mit dem Ellenbogen über eine Brust, wo der weiche Stoff ihres Pullovers eine unvergleichliche Falte wie auf einem Art-deco-Bild wirft.
Berlin, wohin er sie bringen soll, wird Deirdre Gruen nicht mehr erreichen; in ihrem gewohnten Design nicht mehr erreichen, so formuliert er gleich einem Katalogtext vor. Kurz spielt die Lust, das untadelig geschminkte Gesicht zu beschmutzen, nur in den Kulissen flimmert die Annahme, selbst das schon irgendwo gesehen zu haben. Eine farbige Computerzeichnung von Elena Biedermann, eine Farbaufnahme von Marko Stephan? Landgraf blickt noch einmal zu ihr, und er sieht Stücke einer Porträtfotografie. Den Tod der anderen konnte man sich leicht vorstellen.
Es ist jetzt soweit, den Zwischenfall einzuleiten. Er nimmt die Hände vom Lenkrad. Das Auto schlingert unverzüglich in den von Lastzügen verschieden tief in die Straße eingedrückten Spuren. Mit leichter Unterstützung aus seiner Hand kommt der Dacia nach rechts ab. Es folgt der dumpfe, authentische Schlag vom Durchfahren des flachen Grabens, ein kurzer Absprung, der Wagen streift eine mannshohe Grundstücksmauer, der rechte Außenspiegel bricht mit einem Knack, der Kotflügel schleift ein. Echtzeit.
Jetzt erst wacht Deirdre auf. Sie sieht verkürzt und eingeschüchtert zu ihm, sie weiß, dass sie nicht mehr eingreifen wird. Er glaubt, ihre Projektion zu erschließen, aber zuerst achtet er auf den Baum, der sich aufbaut, eine ausladende Linde mit dickem Stamm, eingehüllt in eine strotzende Rinde, er korrigiert noch ein letztes Mal den Kurs, um seinen Einsatz zu begrenzen, ein metallischer Knall.
Mit unbekannten Schmerzen im Körper steigt er aus und betrachtet sein Werk. Die rechte Seite des Autos ist gestaucht, ein abgebrochener Achsschenkel hat sich durch das Handschuhfach in Deirdres Fleisch gerammt. Die Beifahrertür ist weggeflogen, die Frontscheibe geborsten, eine abgelaufene österreichische Autobahn-Vignette hängt schief an der Bruchkante herunter. Ein Scheinwerfer funktioniert, aus dem aufgeplatzten Kühler raucht es nebelweiß. Das entspricht weitgehend einem Filmset. Für Deirdre könnte es zu spät sein.
Jetzt ist sie bleich, und sie wirkt auf einmal alt. Er streicht ihr über die blutverschmierte linke Wange und verreibt das Rote mit dem Make-up und dem Blond, bis er ein Bild sieht. Er beugt sich über sie und schaltet den i-Pod aus, aus dem Klangwellen von Einaudi ausströmen. Er vermutet einen Geruch, der ihn an den ersten Abend zurückdenken lässt. Du warst schön. Er haucht es ihr ins Ohr.
Der Todesschlaf legt sich über sie und umströmt ihre gebliebene Anmut.
So war es, als ich starb. Deirdre lächelt und ihr Kopf rollt seitlich weg.
Zur Beruhigung lässt sich Landgraf eine Minute vom Regen durchnässen, bis er nach dem BlackBerry greift, das in seinem Sacko steckt. Den Beamten wird er erklären, dass er geblendet wurde und nach außen geriet, wohl ein übermüdeter Fahrer in der Gegenrichtung. Das Ausweichen, das Schleudern, die Mauer, der Baum. Das andere Auto sei in der Nacht verschwunden. Vielleicht ein Audi, Xenon-Scheinwerfer, keine LED. Keine Zeugen, kein Alkohol im Blut, keine ewig langen Erklärungen, gar nichts. Ein durch und durch logischer Unfall mit nachvollziehbaren Tatbeständen. Die Lebenszeit verschwand manchmal abrupt.
Der Wind und das kalte Regenwasser auf seiner Haut lösten einen Reflex aus. Er hatte das Gefühl, dass die Gravitation nachließ.

 



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Und im Sommer erscheint alles immer einfacher.

António Lobo Antunes; Die natürliche Ordnung der Dinge


Die kleine Runde in der Sky Lobby des Kanzleramts schwang sich in eine kühne Sommerlaune. Die aktuellen Finanzkennzahlen des Bundes hatten selbst die kühnsten Rechenkünstler im Finanzministerium bislang für unmöglich gehalten, für umgeschichtete Staatskredite fielen Minuszinsen an und die Umfragewerte der Kanzlerin erreichten in diesem Sommer einen Stand wie jene von Bismarck im Jahr 1871. Die Redaktion von Forbes hatte sie zum sechsten Mal in Folge zur mächtigsten Frau der Welt gekürt. „Von der Pfarrerstochter in der DDR zur Königin von Europa“ hatte die führende schwedische Sonntagszeitung einen mehrseitigen Beitrag über Weller überschrieben.
Es war nahezu menschlich, dass sich die Bundeskanzlerin Barbara Weller zum ersten Mal in ihrem Leben unantastbar fühlte. Und auch ein Phantasma konnte Wirklichkeit werden. Das war ein Zug der Moderne. Weller fühlte, dass sie nun so weit war, das Phantasma einzuleiten, um in die Geschichte einzugehen. Es war an der Zeit, dem parlamentarischen Kapitalismus eine kleine Systemirritation zu verpassen.
Bei genauerer Betrachtung hatte sie zu jeder Zeit von den Leistungen ihrer Amtsvorgänger profitiert. Nicht ein erfolgreiches Projekt war mit einer politischen Idee von Weller in Verbindung zu bringen. Zu jeder Zeit hatte sie die weiche Schiene der Politik vertreten, bei der man die Dinge nahm, wie sie kamen und dann intuitiv auf das vermeintlich richtige Gleis setzte. Inzwischen konnte sie die Politik Deutschlands wie die einer Großmacht gestalten und sich auch einmal ein übersteigertes Projekt leisten, ohne dem Parlament auch nur eine Mitteilung zu geben. Während Weller in den Neunzigern als Politikerin galt, die im Großen und Ganzen ihren Idealen gefolgt war, entsprach sie längst einem epigonalen Populismus, der monatlich an die Sachlagen angepasst wurde. Nach zwiespältigen Erfahrungen mit den Medien in ihren ersten Politikjahren erlaubte sie sich auch in der Öffentlichkeit keine persönliche Regung mehr. In den Jahren des Niedergangs unter ihrem Vorgänger Prander hatte sie an der vordersten Linie erlebt, wie gelangweilte Hauptstadt-Journalisten zusammen mit frustrierten Parteifreunden der zweiten Reihe innenpolitische Krisen aus dem Nichts heraufbeschwören konnten, die der Kanzler starrsinnig zur Eskalation trieb. Als sie dann regierte, lud Weller diese Meute zu Kamingesprächen ins Kanzleramt, wo sie ihnen Belangloses und paar belanglose Geheimnisse verriet. Sie bekamen teuren Rotwein und durften sogar rauchen, was inzwischen als außergewöhnliche Geste der Nähe bewertet wurde. Weller fütterte ihre Eitelkeit und lobte ihren Stil, und diese Profis zerplatzten fast unter den Komplimenten einer Frau, die sie sonst nicht einmal angesehen hätten, wenn sie keine Kanzlerin gewesen wäre. Sie war längst ihr eigener Maßstab und konnte aus Prinzip keine Fehler machen. Alles lief gut, selbst das, was falsch lief. So schrieb man in der deutschen Presse über sie. Jeden Tag.
Auf politische Freunde hatte sie bald verzichtet, als sie es sich leisten konnte. Sie werden dich früher oder später doch im Stich lassen, hatte ihr ein altgedienter Abgeordneter des Bundestages auf dem Empfang irgendeiner Industrievereinigung zugeraunt. Sie vertraute dem alten, schmalen Mann; er hatte noch unter Brandt sein Mandat bezogen, und immer nur darauf geachtet, wie er die größtmöglichsten Pensionsansprüche und Nebeneinkünfte kumulieren konnte. Allein das machte ihn vertrauenswürdig.
Heute hatte es auch keine aufgetaute Linsensuppe gegeben, wie man naiven Journalistinnen beiläufig erzählte, weil im Leben der Kanzlerin nicht mal für richtiges Essen Zeit blieb. Das Menü aus süßsaure Krabbensuppe, Thai-Salat, in Zitrone eingelegtem Hecht, Erdbeeren mit Sahnecreme und Pfeffer war vom Hauspersonal abgeräumt worden. Das Trio hatte mehr gegessen und mehr Wein getrunken als üblich, aber die Selbstgewissheit in diesem Zirkel war inzwischen so ausgeprägt, dass man sich selbst in der Hausgastronomie keinerlei Beschränkungen mehr auferlegte.
„Also: Fangen wir an.“ Kanzleramtsminister Franz Obermann hatte der Bediensteten zu verstehen gegeben, dass sie heute Abend nicht mehr gebraucht werden würde, nur Champagner Rosé und Perrier sollte sie im Eisschrank nachfüllen.
Der dritte Korken lag auf dem weißen Tischtuch, als der Kanzleramtsminister ein Papier mit den neuesten Flüchtlingszahlen verteilte. Regierungssprecher Frank Michterling legte Farbkopien mit aktuellen Titelbildern von Zeitschriften aus aller Welt dazu, auf denen das Konterfei der „Mächtigsten Frau der Erde“ prangte. Manche der colorisierten Titelporträts erinnerten Obermann an Mao-Bildnisse, die er noch von den linksextremistischen Hochschulblättern aus seiner Studienzeit kannte, aber er verwarf den Witz, den er auf den Lippen hatte, um die Ernsthaftigkeit der Situation zu erhalten. Daneben plazierte er die Ergebnisse der neuesten Umfrage, wie die deutsche Bevölkerung über die Aufnahme der Flüchtlinge beurteilte. „Wir können davon ausgehen, dass rund 80 % der Deutschen eine Aufnahme von Flüchtlingen befürworten. Gegenwärtig“, erklärte Obermann. „Die Deutschen sind in diesem Sommer davon überzeugt, dass es nicht nur aufwärts geht, sondern dass sie Teil der fortschrittlichen Menschheitsgeschichte werden, wenn sie sich zum Flüchtlingsprojekt bekennen. Und die Leitmedien und das Staatsfernsehen tragen dieses Gefühl medial.“ Obermann lehnte sich wie ein Top-Manager im Spielfilm zurück und sah auf die Wand, die man in Porsche-Grün gestrichen hatte.
„Ich habe einen Plan erstellt, den ich Ihnen gern vorstellen möchte“, setzte Michterling fort, immer darauf bedacht, seine Sonderstellung zur Kanzlerin gegenüber Obermann herauszuheben.
„Wir hatten uns vor einigen Wochen über diese Möglichkeit vage ausgetauscht“, gab die Kanzlerin unterkühlt zurück, so dass es bei ihren beiden Paladinen nachklang. Sie selbst hatte am 1. August auf SPIEGEL ONLINE eine Erklärung veröffentlichen lassen, dass auf einem Strategietreffen mit dem Generalsekretär und dem Bundesgeschäftsführer bereits über die Zuständigkeit der Wahlkampagne entschieden wurde. Diese solle direkt aus dem Konrad-Adenauer-Haus geführt werden. Wichtiger war, dass sie selbst eine geheime Umfrage zum Flüchtlingsprojekt in Auftrag gegeben hatte, auf Staatskosten freilich. Die Ergebnisse hatten ihr Mut gemacht.
„Der Plan ist etwas riskant, aber wenn wir uns an ein paar Regeln halten, wird alles funktionieren“, reichte Obermann nach.
„Die Regeln betreffen uns nicht. Wir sind zum ersten Mal seit Jahrzehnten in der Lage, als Deutschland den Lauf der Dinge weltweit beeinflussen zu können. Wir finden, dass man das nutzen muss. Damit eröffnen sich auch für Sie große Möglichkeiten. Und wir glauben auch, dass sie ähnlich denken“, sagte Michterling, um die Kanzlerin, deren Feigheit seiner gleich stand, nicht wieder ins Grübeln zu bringen.
„Was genau meinen Sie?“ versuchte Kanzlerin Barbara Weller ihren Sprecher etwas herauszufordern, vielleicht brachte er noch ungewollt eine Schwäche des Plans hervor.
„Wir brauchen keine Führer, wir brauchen führende Ideen. Diese Ideen schaffen Führer…“ formulierte Michterling und forderte so Obermann heraus: „Wenn du lediglich deinen Dienst verrichtest, taucht dein Name in den Zeitungen auf. Wenn du aber überzeugst, hälst du Einzug ins Buch der Träume.“
„Ich ahne, dass wir auf dem gleichen Weg sind. Wie gesagt, es ist etwas heikel. Ich denke, dass wir die Getränke nehmen und in den TR wechseln sollten.“ Es war selten, dass Barbara Weller lächelte, aber jetzt tat sie es auf eine Weise, die Mephistopheles gefallen hätte. Der Traum, dass aus der UNO heraus eine neue Weltordnung ausgehen würde, war eine zynische Parodie geworden, aber genau diesen Entwurf wollte Weller mit der neuen amerikanischen Präsidentin wiederbeleben. Zwei Gespräche und ein paar E-Mails genügten ihnen, um ihre neue Karriere auszuhandeln.

 

 

Das Beste wäre, in tiefem Rausch am Meeresstrand zu schlafen.

Jim Morrison



Am Freitagvormittag hatte Landgraf die Sekretärin seines Chefs gebeten, ein Zimmer aus dem Firmenkontigent des Vertragshotels in Berlin-Mitte auf privat zu reservieren. Song, die vor Jahren aus Suzhou gekommen war und inzwischen einen bayrischen Akzent versuchte, hatte es mit ihrem Lächeln bestätigt. Ich könnte auch noch einen Flug für Sie buchen, wir haben ein Arrangement laufen, es kostet um 189 Euro, mit Air Berlin. Song, deren Eltern und Großeltern die Jahre unter Mao voll ausgekostet hatten, schien ihm als Ostdeutschen mehr als den anderen auf der Büroetage zu vertrauen, was sie ihm durch unscheinbare Gesten zeigte.
Landgraf rechnete durch. Mit Taxi und Parkgebühren am Flughafen war ihm dieser Weg zu teuer. Landgraf rief Song ein Nein zu, er nehme die A9 auf sich.
Als Landgraf bei Oberpfaffenhofen dem Stau fürs nächste entkommen war, stellte er sich auf eine Fahrt mit 120 ein. Entschränkt starrte er durch die dreckschlierigen Autofenster des Dacias, mit dem er sich an den LKW-Kolonnen vorbeischlich. Dieses dehnbare Unwohlsein weiterer Tage verängstigte ihn, die unsichtbaren Wände waren herangerückt. Es gab angenehme und unangenehme Gefühle, doch es blieb eine umstrittene Angst gleich derer, die man nachts ohne einen bedingten Grund in einem menschenleeren Schlosspark verstehen würde. Vielleicht war es nur die blasse Scheu vor den kollektivistischen Erzählungen der anderen. Seine Neugier hatte ihn aufbrechen lassen. Der Besuch von Vernissagen und Kunstmessen gehörte zu den wenigen Dingen, die er als Luxus wahrnahm.
In einer Raststätte irgendwo bei Dessau bestellte er sich einen Kaffee im Pappbecher und versuchte in einem Anfall von Irrsinn, mit dem junghübschen Mädchen hinter der Bar zu flirten, nur weil sie ihn etwas zu lang angelächelt hatte. Sie machte ein paar Augenblicke mit, bis sich ein Außendienstler laut an den Tresen stellte. Bis zum Berliner Ring führte er dann Selbstgespräche im Auto, vielleicht auch, um sich in seinen zweifelhaften Lebensgefühlen zu bestärken.
Es war noch augusthell, als Landgraf den Dacia auf einen provisorischen Parkplatz, der mit riesigen Pfützen übersät war, an der Oranienburger Straße abstellte. So einen hatte ich auch mal, rief ihm der Stasi-Typ aus dem Kassencontainer zu. Er lächelte dem Suffgesicht zu und lief dann zu seinem Hotel. Im Zimmer öffnete er die Vorhänge der vollverglasten Straßenfront. Er schaltete, wie immer dann im Hotel, den Fernseher ein und legte sich auf das Bett. Um nicht einzuschlafen, drückte er eine Kapsel in die Nespresso-Maschine.

 

 

Insiderhandel, Preismanipulationen, Kartelle – alles, was einen in anderen Wirtschaftsfeldern in den Knast bringen würde, ist im Kunsthandel Standard.

Erling Kagge; Kunstsammler

 

Landgraf lief am Maxim-Gorki-Theater vorbei in Richtung Unter den Linden. Am Zeughaus überquerte er die Straße und ging direkt auf das ehemalige Gebäude des Staatsrates der DDR zu. Berger, sein einstiger Freund aus der übersichtlichen Szene der Heimatstadt, hatte handschriftlich auf Bütten zur Vernissage seines Superstars am Schlossplatz geladen. Das Blatt war eine limitierte und vom Galeristen signierte Einladung, als Code hatte er ihm ein e. a.-Exemplar senden lassen.
Sie hatten sich ganz plötzlich aus den Augen verloren und zwei Jahrzehnte nicht mehr gesehen. Es hatte einen einzigen Anlass gegeben, das war Landgraf nicht entfallen, aber das lag eine Ewigkeit zurück. Landgraf zögerte bis zuletzt, die Rückmeldung zu geben, und auch die nachfolgende E-Mail mit Verifizierungslink („Unbedingte Bestätigung verbindlich.“) hatte er unbeantwortet gelassen. Es zog ihn nicht mehr zu ihm; vielleicht war es das Eingeständnis, seinen Erfolg mit einer Begegnung legitimieren zu müssen.
Berger hatte ihre mittelmäßige Jugendidee grandios erfüllt. Er war zur rechten Zeit in die Hauptstadt gegangen und hatte einen Berlin-Roman veröffentlich, ein Skript, untermalt mit sanften Drogen, immergeilen, manchmal etwas sehr traurigen und Trost suchenden Frauen, die auf irgendeine Weise mit Kunst zu tun hatten, mit seitenlangen Beschreibungen opulent wirkender Vernissagen, mit Szenefolklore, Postpunkkonzerten, Premierenfeiern und Lesungen, jede Zeile in herausspritzender Diktion. Das Buch wurde ein Monatsbestseller und Berger ein Gesicht in den Kulturseiten, wo man ihn im blauen Trainingsanzug der DDR-Profisportler abdruckte. Die üblichen Redakteurinnen von FAZ, SPIEGEL oder STERN führten Fünf-Fragen-Interviews, und Berger ließ sie mit ihren blöden Fragen so abblitzen, dass die jugendlich bedingten Schwächen seiner Schriftsprache keine Rolle mehr spielten, weil das von einem coolen Autor so erwartet wurde. Im Anschluss gründete er mit Geld aus Zürich ein Jahr vor der Jahrtausendwende eine Kunstzeitschrift mit Internetauftritt, die er rechtzeitig an einen Großverlag äußerte, bevor allen klar wurde, dass man nicht die Millionen verdienen konnte, wie es schon in der ersten Gründerszene als Norm galt.
Es war sinnlos, nur auf einen bestimmten Teil des Lebens einer anderen Person neidisch zu sein, aber genau das war Landgraf oft gewesen. Dann war Berger von der Bildfläche verschwunden. Man wollte ihn in Miami und Mexiko-Stadt gesehen haben: Nach seiner Rückkehr eröffnete er in einem ehemaligen Lebensmittelgeschäft auf der Auguststraße eine Galerie und hatte in einem halben Jahr die Macht im Kunstviertel übernommen. Man munkelte von einem amerikanischen Teilhaber, angeblich ein Milliardär, der Ankäufe, dicke Hardcover-Kataloge, bekannte Texter und Ausstellungsprojekte finanzierte. Dennoch blieb es Bergers Geheimnis, wie es ihm gelungen war, Hedge-Fonds-Manager aus Manhattan und asiatische Sammlergrößen nach Berlin zu holen und zur Übernahme atelierfrischer Konvolute zu bewegen. Zeitweise schien er bekannter zu sein als seine jungen Stars, deren Leinwände und Objekte er verdealte sobald diese von ihren Assistenten oder bestellten Handwerkern produziert waren. Jetzt kamen die Redakteure der Leitmedien in die Galerie, um den Star zu treffen, und ihre Artikel waren genauso hochgedreht wie die vergessenen Texte der Kolleginnen über Berger als Schriftsteller. Auf den beigestellten Fotos mit Blick in die Galerie wirkte Berger kantiger und teurer als in seiner ersten Karriere.
Vor dem Staatsrat, dessen Fassade mit einer Lichtbreitseite in Koonsblaumetallic bestrichen war, fuhren gelangweilte Chaffeure die Autos des Limousinen-Sponsors und Taxis für die zweite Reihe auf. Am Einlass drängelten sich die üblichen Gestalten, die auf der Gästeliste fehlten, darunter auch zwei Schönheiten, die allein aus Prinzip abgewiesen werden mussten. Später dann vielleicht, hörte Landgraf einen Deutschtürken von der Security sagen, dessen Buddies im gleichen Augenblick linke Studenten zu Boden stießen, die Refugees-welcome-Schilder hochhielten, die nun auf den Asphalt krachten.
Die Boulevard-Fotografen, die man ebenso nicht einließ, was die Geheimnisse im Gebäude noch unklarer machte, fotografierten zur Sicherheit auch Landgraf, um sich gleich wieder abzuwenden. Der Chefwachmann, der Zegna trug, nickte unscheinbar, nachdem er das Papier über einen Laserscanner gezogen hatte, wobei auf der Rückseite ein Wasserzeichenstrichcode sichtbar wurde: Sie haben sich nicht zurückgemeldet, aber es wurde weitergegeben, dass Sie selbstverständlich Einlass bekommen. Einen schönen Abend, Ihnen, Herr Landgraf. Überall standen Geldtypen mit ihren monolythischen Gesichtern herum, begleitet von Frauen, die teuer gekleidet, elegant und zugleich dumm aussahen. Früher, als Student und in der Zeit danach als junger Journalist, hätte eine Vernissage dieser Art Landgraf über Wochen innerlich gestärkt, aber jetzt war ihm klar, dass er hier beim besten Willen nichts verloren hatte. Mach’, dass du rauskommst, dachte er kurz, aber ein Frauentrio, gekleidet wie die Sekretärinnen aus dem Michael-Gray-Video, reichte roten Krim-Sekt und er nahm zwei Gläser.
Der Große Saal war als hypermoderne High-End-Boutique gestaltet, und mit weißer Ballonseide, die man auf Aluminiumgestelle gezogen hatte, ausgekleidet, dahinter standen echte Neon-Brenner, mit denen man die kubischen, mit Metalliclack überzogenen Objekte mehrfarbig illuminierte. Nur den im Stil des sozialistischen Realismus? gehaltenen Wandfries aus Meißner Porzellan ha[e man unverhüllt gelassen. Dort tanzten Mädchen einen Reigen, Frauen spielten Basketball, im Hintergrund ziehen Radrennfahrer ihre Bahn, eine Schöne betrachtet sich im Spiegel, Picassos Friedenstauben stiegen über Jungpionieren auf. Mit einem malvenfarbenen Laserstar wurde Courtesy Galerie Ouragan an die Decke geschrieben. Das hier war Ultraland und Ultracity und Ultraart. Und niemand empfand es als ein Problem, wenn sich Künstler in ihrem Werk in erster Linie auf Chrematistik zu konzentrieren. Die Konfiguration dieser 3D-Simulation würde Berger hinterher in Teilen nach Miami oder Los Angeles abgeben, dachte sich Landgraf. Es war der Moment einer Situation, dass sich eine Szene zersetzte und dabei immer größer wurde.
Der Alkohol ging allmählich ins Blut über, Landgraf fühlte sich jetzt sicherer. Unter dem Fries erkannte Landgraf den ergrauten Dramaturgen aus dem Molotow, der noch immer eine Jeansjacke trug. Wie alle im Schatten der Talente und Aufsteiger hatte er immer aufs neue um Geld und Huldigung gekämpft, und er war zurückgeblieben. Sie nickten sich minimal zu. Inzwischen sah er aus wie ein Ostrocker.
Den Kern der Crowd bildete ein im bionischen Stil Colanis geformter, drei Meter hoher Roboter, der wie ein durchschnittlicher Vernissagengänger sprechen konnte. Der Roboter lief durch die Reihen, blieb manchmal stehen, gab Kommentare ab und beantwortete dumme Fragen zur Situation der zeitgenössischen Kunst. Für den üblichen Festpreis von drei Millionen Euro war der Roboter bereits an einen Sammler weitergegeben worden.
Die Laudatio auf den kommenden Star, der als deutscher Jeff Koons konzipiert war, irritierte hier niemanden mehr. Der angeheuerte Kritiker schwadronierte etwas von einer ungebrauchten Künstlergeneration und Berlin Creators. Der Redner reichte das Mikrophon weiter wie die Olympiafackel. Berger sprach mit geschmeidiger, in der Hauptsache zu nachdrücklicher Stimme. Die Kunst, mit deren Vertrieb Berger Schockwellen verbreiten wollte, war für ihn freilich so etwas wie radioaktiver Abfall, der alle energisierte.
Eine Ewigkeit war vergangen, als er mit Berger in den zwei, drei Klubs, in die man sehen lassen durfte, das Glück versucht hatte. Damals waren sie ohne Angst gewesen, nahezu frei in einer Provinzstadt des Sozialismus, wenn man von den Kurzshows mit Teilnahmeverpflichtung absah, die es damals noch in der Sowjetunion, Rumänien und Nordkorea gab. Sie hatten im Molotow Arm in Arm ihre ersten betrunkenen Abende absolviert, The Garden Of Eden und Bright Lights, Big City psychisch abgeliebt und vorgestrige Bücher wie die Buddenbrooks zu Asche verbrannt, sich widersprochen, was Kunst nonkonformistisch mache und beschauliche Öler von Provinzmalern ausgelacht, Texte eingeschickt und mit höflichen Schreibmaschinenbriefen aus Sekretariaten von DDR-Zeitschriften zurückerhalten. Und sie hatten sich nacheinander in dieselben, zu anziehenden, meist zu erwachsenen Frauen verliebt, die Exquisit-Klamotten trugen und immer den neuesten Musikvideohaarschnitt oder Pagenkopf trugen. Zeitweise sah es aus, als ob es so etwas wie eine Freundschaft für den Rest des Lebens werden würde.

 




Was ist aus Kunst geworden im kapitalistischen Jahrhundert? – Eine Sonderfunktion, eine Ware, ein Ding, das irgendwo außerhalb des Alltags existiert, ein Ding mit dem Nimbus sonderlich erlesenen Lebens – Geheimnisse – , aber dies erlesene Leben ist nichts denn ein der großen Masse vorenthaltenes, und dieses Geheimnis ist ja ein Geheimnis, aber es ist das Geheimnis aller lebendigen Menschen, sofern sie endlich von den Toten erwachen könnten, sofern sie das Wunder ihrer Leben endlich entdecken wollten! – Was ist aus den Menschen und ihren Aktionen geworden? Was gefährdet selbst den Elementarkampf des Proletariats?

Lu Märten; Wesen und Veränderung der Formen und Künste

 

Unschlüssig wartete Landgraf auf den Beginn der Party. Jetzt war es für die Regie an der Zeit, der Lokation das lähmende Berlin-Moment auszutreiben, indessen schien es ihm, als ob man an Disneyland näher dran war als am Manhattantraum.
An der bereits überfüllten Bar empfing er die negativen Effekte. Der Zwischenraum zwischen Sehen und Verständnis verlangte immer mehr nach einem Rückzug, und es stand für ihn die Antwort aus, ob man sich möglicherweise verjüngen konnte, wenn man auf Werturteile verzichtete. Er war von der Fahrt müde genug, um zu einer beliebigen Ermittlung aufzubrechen, aber die elektronischen Farbtöne aus dem Hintergrund, die fossilen Lärm ähneln mussten, löschten die verbliebene Kritikkraft.
Er trank den Krim-Sekt, der ihn an das Hotel in Sotschi erinnerte, damals, als alles in der Sowjetunion zerbröselte und Gorbatschow als Erneuerer zu einem zweiten Chruschtschow wurde, den man schließlich auf die Datscha abschob. In dem Betonhotel am Schwarzen Meer war an manchen Tagen selbst der Alkohol ausgegangen, eine ungewohnte Vorstellung für Touristen und einheimische Russen gleichermaßen. Das Treiben rieselte vorüber wie ein unscharfer Film. Die allseitige Konformität der Anwesenden, die metallisch schrieen, um die Musik zu übertönen, führte ihn an den Zustand der Unabhängigkeit. Automatische Wellenmaschinen bearbeiteten den Äther und beugten den Sinn. Seine bloßen Blicke wurden zu unveränderlichen Feldmessungen. Dieser Krokodilfluss hatte alleinig mit Image und Sex zu tun. Er als Gaijin blieb völlig unauffällig. Seine alt gewordenen Träume sahen hier noch naiver aus als sie ohnehin schon waren. In der Halle mit den großen Beuys-Objekten belästigten ihn die Suchenden, die närrische Schatten warfen. Er erkannte ihre Rufe und Stimmen, die sie einmal als Liebe empfunden hatten, Nachtkundler und Fährtensucher, die sich unter dem Druck angemessener Coolness zyklisch an den infektiösen Wasserlöchern trafen und die freiwillige Unterwerfung unter dem Level der Stars vollführten. Es war nichts anderes als eine reaktionäre Operngesellschaft, die für ihre Anwesenheit ein Übermaß an Ehrenbezeigungen erwartete. Er sah auf die Paare und Passanten und er dachte an die Eheleute in den teuren Architektur-Zeitschriften, die aussahen, als kämen sie aus einer gehobenen Sekte. Hier sah er sie.
Als das Licht gedimmt wurde, begann ein Musiker, der sich wie Brecht in seiner Proletkult-Phase gekleidet hatte, mit der Aufführung von Computersounds, die in Geräusche von Transferpressen übergingen, und drehte dabei zum Schein an Reglern einer restaurierten Stereo-Anlage RK 8 sensit. Bald begann das Schauspielvolk seine studierten Bewegungen und zog die anderen zu gleichförmigen Tonzeichen wie in einem Zukunftsfilm der Siebziger auf den beleuchteten Glasboden, den man als Tanzfläche montiert hatte. Eine junge Journalistin, die einen engen orangefarbenen Pullover, eine schwarze Lederhose und Prada-Pumps trug, stellte sich vor Berger auf und hielt ihm ein Diktiergerät hin. Er gab ihr offenbar einen kleinen Gag, ließ die Frau stehen und kam schließlich lächelnd auf ihn zu.
"Wir haben uns seit Jahren nicht gesehen. Eigentlich schade." Gerhard, du siehst glänzend aus. Das Seestück habe ich übrigens für vier Millionen nach Mexiko-Stadt abgegeben. Ich besuche dich dann im Atelier.
"Und jetzt bist du oben, ganz oben..."
"Ich bin der Equalizer. Ich weiß, du hasst das alles."
"Nein. Es interessiert mich."
"Es wird immer sehr leer sein, wenn reiche Leute versuchen, sich zu amüsieren." Hi, Larry the King of the cosmos. Thank you very much for coming. "Er braucht ja auch ein paar Flugstunden, sonst bekommt seine Gulfstream noch einen Standschaden."
"Ein Galerist hat eine Gulfstream?"
"Klar. Eine G650. Übrigens will er den schönen Porzellanfries mit Szenen aus unserer DDR für drei Millionen kaufen, um damit eine Villa in Montauk Harbor auszustatten. Mal sehen, was sich machen lässt."
"Seltsame Zeiten."
"Es ist schon komisch, dass wir Zwei ausgerechnet in Berlin wieder zusammenkommen. Aber ich freue mich, dass du da bist." Carsten, wir sehen uns zum Empfang im Setai. Wenn dich dein Leipziger Galerist lässt, machen wir dort mal eine hundert Meter lange Neoninstallation am Strand.
"Du bist wieder ein Star geworden. Zum zweiten Mal. Und noch größer."
"Zum zweiten Mal ein Star. Das ist wie eine Wiedergeburt. Ich habe es lernen müssen, den Galeristen zu spielen; das ist wie im Actor's Studio. Nachdem ich durch diese Schule gegangen bin, könnte ich jeden Job der Welt annehmen, selbst Bundeskanzler. Ich kann von heute auf morgen den Chef eines Autokonzerns spielen oder einen Bundesminister oder einen Kunstprofessor das ist völlig egal, meinetwegen auch einen Maler." Daniel, wo ist deine schöne Frau? Inszeniert sie schon wieder oder klappert sie die Whistleblower ab?
Landgraf war überrascht, dass er von seinem Status wirklich überzeugt war. "Auch Stars haben eine Geburtsstunde, ein Leben und vor allem einen quälenden, langen Tod."
"Uff, du bist gemein." Francesca, wir sehen uns bei Senequier.
"Wer steht hinter der Galerie Ouragan? Ein paar einflussreiche Kuratoren, die Quergeschäfte machen wollen?
"Kuratoren? Diese Witzfiguren? Wenn ich das schon höre, dass sie etwas kuratieren und dann erlebst du, wie dumm sie sind. Kurator ist der größte Schwindlerberuf der Szene, noch mehr als der Beruf des Galeristen. Da kommt gleich so einer." Klaus, wunderbar, dass du extra aus New York gekommen bist. "Rede einem Kurator ein, dass er wichtig ist und er wird nie wieder davon ablassen."
Ein Tattoo-Typ rempelte Landgraf im Vorbeigehen an. Er hatte die Ärmel seines mit Farbspritzern gepunkteten Sackos in die Ellenbogen geschoben, damit die Zeichnungen sichtbar wurden.
"Kommt hier jetzt jeder Künstler rein? Wozu gibt es Gästelisten, über denen wir Wochen gebrütet haben?" Berger nickte einem Sicherheitsmann zu, der wie ein türkischer Rocker im Anzug aussah, den Mann packte und hinausschaffte. "Lass dir von diesen Schmalverbrauchern des Lebens nicht die Laune verderben."
"Ist dein Hintermann das große Geheimnis?"
"Nicht unbedingt. Aber wenn du es wissen willst: Es ist ein vom Leben gelangweilter Milliardär aus Florida; er ist übrigens heute hier und niemand erkennt ihn. Das Geld nützt ihm nichts. Er traut sich nicht einmal mehr, wunderschöne russische Pornostars als Escort in seine Villa auf Key Largo zu buchen, weil er sich fürchtet, dass ihn dann die Syndikate erpressen könnten. Er investiert in das Projekt, kann an allen Events teilnehmen, trifft die Künstler und die Stars. Und ich habe dafür freie Hand." Santiago: Die nächste Gaskammerinstallation machst du bei mir. Und hinterher verkaufen wir die nach Tel Aviv.
"Du hast freie Hand."
"Ganz genau. Und das komische ist: Wenn du so viel Geld reinpumpst und etwas geschickt bist, dann sind Gewinne unvermeidlich. Das ist der Unterschied zur Digitalindustrie. Disruptive Geschäftsmodelle verursachen hohe volkswirtschaftliche und gesellschaftliche Folgekosten, die von den wenigen Nutznießern wie den Exitverkäufern auf dumme Investoren und durch Abschreibungen auf die Allgemeinheit abgewälzt werden. Es sind genau genommen nur ein paar Schmarotzer, die von diesen sinnlosen Firmen profitieren, die Kochboxen und kuratierte Klamottenpakete verkaufen. Der Kunsthandel finanziert sich dagegen selbst, in einer Art Kreislaufsystem. Dem kleinen Mann wird nichts weggenommen." Jürgen, die letzte Inszenierung, wunderbar. Da hat es der Altmeister den Opernfuzzis wieder mal richtig gezeigt.
"Du bist der verlorene Star unserer Heimatstadt. Sie schreiben über dich und deine Projekte in der Lokalpresse. Meine Mutter schickt mir immer die ausgeschnittenen Artikel."
"Das ist nicht wichtig, aber deine Mutter mochte ich. Mich interessiert ein spezielles Detail aus unserer Vergangenheit." Jay, the Cube of London. Hi!
"Ein Detail? Nicht das, was du vielleicht denkst, also die Partei."
"Die Partei bestimmt, wer in sie eintreten muss. Daran hat sich nichts geändert." Wenn man einmal die Tür der Unmoral durchschritten hat, kommt man nie wieder zurück, das dachte er damals.
"Viel komplizierter: Was ist aus der Silk geworden? Aus unserer superschönen Silk?" Bergers Tonfall hatte sich in eine aggressive Mollnuance verschoben.
"Ich habe sie nie mehr gesehen."
"Warum nicht?" Damien: A sophisticated model by your side, calm and beautiful. You are a vampire.
"Ich weiß es nicht."
"Weißt du, ich denke jeden Tag an sie, jeden Tag. Ich habe sie wirklich geliebt, nicht abstrakt wie du."
"Die vollkommene Anwesenheit ist die Abwesenheit."
"Du machst dich lustig über mich, wie damals, als es für euch einen glücklichen Sommer gab und ich mich umbringen wollte. Es war so: Ich habe sie wirklich geliebt und du hast es zerstört. Du hast mich sterben lassen, als ich sah, wie ihr gefickt habt." Berger lachte schrill und sah ihm dabei stechend in die Augen.
"Die besondere Anziehung bestand ja darin, dass wir damals so natürlich und jung waren und nicht alt und leer. Die Dinge, die uns wirklich glücklich machen, sind besonders zerbrechlich. Das ist mir heute klar."
"Wir wären ein schwer sophisticated Couple geworden. Ihr wart schön anzuschauen, aber nicht mehr." Berger überlegte kurz. "Also, falls es dich interessiert: Ich werde diese feministische Journalistin dann noch ficken. Und nicht, weil ich es will, sondern weil sie es will. – Als mein Buch herauskam, schickte mich das Verlagsmarketing auf Interview-Tournee in die Feuilleton-Redaktionen. Großer Gott, was dort für Fragen gestellt wurden. Inzwischen sind Journalisten nicht nur austauschbar, sie sind komplett wertlos. Niemand liest diese Kommentarartikel, niemand braucht diesen inhaltslosen Quatsch. Für die Frauen in den Redaktionen, wenn ihr Körper und ihr Verstand dafür geeignet sind, sehe ich noch eine Chance – wenn sie verstanden haben, wo ihre Interessen liegen. Für diese albernen Männer dort, die ihre Billigtexte über Politik und Bands immer noch für wichtig halten, sehe ich schwarz." Judy, du bist doch gekommen. Warst wohl etwas neugierig. Verstehe ich. Deine Diät hat fürs erste gut funktioniert.

 
 
 

 

 
 
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Impressum Interceptor:

Jay Michel Ellis Interceptor
Ein Roman
© Jay Michel Ellis / Reconnaissance Interview Mag, München / Chemnitz 2018.
Alle Rechte vorbehalten.
Lektorat / Editor: Uwe Kreißig
ISBN-Nr.: 978-3-00-059348-2

Rechtlicher Hinweis des Autorenteams: Alle in diesem Buch geschilderten Vorgänge und handelnden Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten wären rein zufällig.

 

 

 
 
 

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