Reconnaissance
Interview Mag

 
Die zehn Tage von Chemnitz, die Deutschland veränderten

 

Die Bundeskanzlerin und zahlreiche Journalisten haben offenbar gelogen: die Hetzjagden auf Ausländer und die Ausschreitungen in Chemnitz waren Fake News

 
Die Vorgeschichte und die Nachgeschichte zu einem beispiellosen Bashing auf die Chemnitzer, die Sachsen und die Ostdeutschen
 

Es musste so kommen, und es ist so gekommen. Es gab in Chemnitz einen Toten und zwei Schwerverletzte durch einen brutalen Messerangriff durch angebliche Flüchtlinge. Die Opfer waren Deutsche. Doch die Eskalation der nächtlichen Gewaltspirale kam nicht überraschend. So denken nicht wenige Chemnitzer, auch jene, die in der Öffentlichkeit immer auf der richtigen Seite stehen. Zur Sicherheit. Ich kenne das selbst, von früher, den Achtzigern, und erinnere mich noch sehr genau, wie sich so etwas anfühlt: Wenn man weiß, einer Sache öffentlich zustimmen zu müssen, weil es angeblich alle anderen auch machen, weil es erwartet wird, weil es "richtig" ist und weil es sonst dem "Klassenfeind" nützt. Den falschen Leuten, den Kapitalisten, den Rechten, den Faschisten. Und Reagan und Thatcher und Somoza. Und das wolle man doch nicht. Und bitte denke auch an deine Zukunft. Sonst wirst du das oder jenes leider nicht machen können. Und man hat mitgemacht. Wie fast alle. Komischerweise dachte man aufatmend nach der Wende, dass falsche Bekenntnisse nur im Sozialismus abzulegen sind.

Fakten sind etwas Törichtes, meinte einst der Oberverbrecher Joker in "Batman". Aus gutem Grund, denn Joker kommt besser ohne Fakten aus. Doch heute zählen Fakten auch außerhalb der Subkultur des Verbrechens nichts mehr. Man kann sie erschaffen, verbiegen, ideologisch umdeuten, fälschen, moralisch verbieten. Daran hat die Presse in Deutschland einen wesentlichen Anteil, wie inzwischen einige ihrer Granden in gedrechselten Halbgeständnissen bekennen. Nur auf der privaten Feier, wo man sein Gegenüber kennt, oder nach dem dritten Glas Wein auf dem Empfang, wenn gecheckt ist, wie die anderen "darüber" denken, purzeln irgendwann die unbequemen Fakten in die Diskussion. Dann räumen "die Guten" zähneknirschend ein, dass sich die Sicherheit im öffentlichen Raum in den zurückliegenden drei Jahren auch in Chemnitz auf eine unglaubliche, unvorstellbare Weise verschlechtert hat, wobei sie tunlichst unterlassen, die Verursacher dieser Kriminalität zu verurteilen. Das sei Rassismus. Doch die Guten würden nicht im Traum mehr darauf kommen, dass ihre Tochter abends um Acht vom Training allein mit dem Bus nach Hause fährt und vielleicht noch an der Zentralhaltestelle umsteigen muss. Das verschweigen sie, erzählen aber beim mühevoll freigeschaufelten Treff in der Szenebar, dass sie nur noch unterwegs seien, um die Kinder mit dem SUV von einem Ort an den anderen herumzukutschieren. Dann nippen sie betroffen an ihrem pinkfarbenen 8-Euro-Gin-Tonic.

Die Folgen des tödlichen Überfalls führten in weiten Teilen von Politik und Medien zu einem bislang beispiellosen Bashing auf die Chemnitzer, auf die Sachsen und auf die Ostdeutschen. Boris Kálnoky gibt dafür eine wohlformulierte Erklärung: "Wer in Sachsen derzeit (west)deutsche Medienberichte über seine Heimat sieht, hört oder liest, der dürfte sich so fühlen wie wir in Ungarn, wenn deutsche Medien über unser Land schreiben: Man lernt darin mehr über die geistige Befindlichkeit der Verfasser, als über das Land. Ostdeutsche ist zu einem ähnlich verächtlichen Begriff geworden wie Osteuropäer. Die im Osten, so ist in oder zumindest zwischen den Zeilen zu lesen, sind anders. Und anders, das ist schlecht, denn man muss so sein wie Wessis", schrieb der ungarische Journalist am 7.9.18 auf dw.com: "Die im Osten sind geistig-moralisch zurückgeblieben, dumm oder böse oder beides. Obrigkeitshörig, demokratiefremd, rassistisch, ausländerfeindlich. Ostdeutsche und Osteuropäer müssen noch viel lernen bis sie so erleuchtet sind wie die Verfasser der jeweiligen Artikel. Und wahrscheinlich sind sie deswegen so hasserfüllt (also böse), weil sie ihre Vergangenheitsbewältigung vernachlässigt haben und geistig irgendwie, irgendwo noch in der kommunistischen oder gar faschistischen Diktatur zuhause sind. Das netteste, was man über sie sagt und schreibt ist, dass sie Ängste haben, die man ernst nehmen müsse. Aber letztlich haben sie nur deswegen Angst, weil sie zu dumm sind, um zu erkennen, dass es in Wahrheit gar kein Problem gibt außer vielleicht ihre eigenen rassistischen Reflexe. Ein bisschen Umerziehung durch Dialog müsste da doch helfen. - Es ist kein neues Narrativ, das Ossi-Bashing. Neu ist eine ähnliche Debatte bei uns in Ungarn: Warum sind die Westler eigentlich so ideologisch verblendet, dass sie den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen können? Sind sie Opfer einer umfassenden Gehirnwäsche, oder warum schreiben sie so einförmig so realitätsferne Dinge?"

Wie war das mit der Sicherheit in der Stadt früher? Ich kann mich an gut an meine Kindheit und Jugend in Karl-Marx-Stadt erinnern. Meine Eltern haben mich wohl nicht ein einziges Mal zum Sporttraining, zum Turnier oder zum Ausgehen gefahren und sie haben mich genauso wenig abgeholt. Der Lada 2101, gut hohlraumkonserviert, blieb meistens in der Garage stehen. Und genauso ging es den anderen in der Klasse, Mädchen und Jungs, jungen Frauen und jungen Männern, dann, als wir älter waren. Man fuhr Bus oder Straßenbahn oder lief durch die Stadt zu jeder Zeit an jeden Ort in Chemnitz. Wenn man ehrlich ist, ging das von 1990 - mit einigen Abstrichen - bis zum Sommer 2015. Dass sich nach einem versuchten Raub mit Todesfolge doch etwas entladen kann, was den schon länger getrübten Schein der offiziellen Chemnitzer Zentrumskampagne "Die Stadt bin ich" nun endgültig ins Groteske zieht, und andererseits auch unschöne, teilweise hässliche Begleiterscheinungen zeitigt, sollten nicht jene Politiker kritisieren, die dafür verantwortlich sind. Sie sollten ihrer Verantwortung nachkommen.

Diese Abcheck-Gespräche oder dass man besser den Mund hält, wenn zu viele fortschrittliche Menschen am Mittagstisch Platz genommen haben, weil einem sonst das Kantinenessen wieder hochkommen kann, beschreiben die totale Spaltung des Landes, eine Spaltung, die sich von einst festgefügten Freundeskreisen bis in die Familien zieht. Für viele Deutsche sind die Verursacher dieses Bruchs nicht die Führer der AfD, wie man nun gebetsmühlenartig behauptet. Nein. Sie betrachten Angela Merkel, ihre Entourage mit Apparatschiks wie Peter Altmaier, Heiko Maas, Andrea Nahles oder Martin Schulz, und die linke Schickeria, die dem Land eine komplette Umwälzung verordnet hat, ohne dass darüber in Bundestag und Bundesrat eine Diskussion, geschweige denn eine Abstimmung stattgefunden hat, als die Verantwortlichen. Und nur sie.

Die linke Schickeria hat es auch geschafft, dass in dieser politischen Gesellschaft der Bundesrepublik Karrieren zulässig sind, die in den meisten westlichen Ländern unmöglich wären und für Ostdeutsche erst gar nicht vorgesehen sind. Ein Beispiel: Winfried Kretschmann, der populäre Grünen-Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Ulla Schmidt (SPD) als ehemalige Gesundheitsministerin Deutschlands oder Krista Sager (Bündnis 90 / Die Grünen), die ihrer Bundestagsfraktion vorstand, waren Mitglied im Kommunistischen Bund Westdeutschlands (KBW). Im KBW, der von Mao querfinanziert wurde, gab es auch Planungen, eine Diktatur, man kann auch sagen, ein Schreckensregime in der BRD zu errichten, denn mit Wahlen war nicht an die Macht zu kommen: 1976 erhielt der KBW 20.018 Stimmen bei der Bundestagswahl, 1980 waren es noch ganze 8.174. Aus den diktatorischen Neigungen machte man an bestimmten, sicheren Orten keinen Hehl, so an den Unis in Westdeutschland. Einem konservativ eingestellten Professor an der damaligen TU Hannover widerfuhr in diesen Jahren der Vorrevolution auf einer Exkursion ein seltsames Erlebnis. Ein Student, bekennendes KBW-Mitglied, soll ihm nach der ersten Flasche Chianti freudestrahlend mitgeteilt haben, dass er den Professor, der erschwerend auch noch CDU-Mitglied war, eigentlich doch ganz in Ordnung finde. Er, der Student, werde deshalb nach der Machtübernahme des KBW in Deutschland persönlich dafür bürgen, dass der Professor seiner Hinrichtung entgeht. Ersatzweise dürfe er dann als Gärtner arbeiten. Er soll völlig verwundert gewesen sein, dass ihm der Ordinarius für dieses großherzige Angebot den Dank verwehrt habe.

 
 
Das Kerzen- und Blumenmeer für Daniel H., der Tatort an der Chemnitzer Brückenstraße, an dem er mutmaßlich von einem Flüchtling aus dem Irak und einem Flüchtling aus Syrien bei einem Raubüberfall erstochen wurde.
 
 

In Wirklichkeit war alles noch schlimmer: Mitglieder des KBW hofierten den Massenmörder Pol Pot, auch ein Schüler Maos, der schließlich seinen Meister verleugnete und sich selbstständig machte, um neue Maßstäbe des Terrors gegen die eigene Bevölkerung zu setzen. Niemand ließ in der Geschichte, prozentual betrachtet, mehr Menschen eines Volkes töten als Pol Pot. Unter "Bruder Nr. 1" starben schätzungsweise drei Millionen der damals neun Millionen Kambodschaner durch Mord, Hunger oder Erschöpfung in Arbeitslagern und den "killing fields". Wenn Leute wie AfD-Rechtsagitator Björn Höcke oder der ehemalige Rauschgift-Dealer Lutz Bachmann auf einer Demo auftauchen, sollte man diese Demo verlassen. Doch kann man guten Gewissens auf eine Demo gehen, an der Winfried Kretschmann, Ulla Schmidt oder Krista Sager teilnehmen? Und wie ist es möglich, dass Winfried Kretschmann mit dieser Vorgeschichte im KBW überhaupt Ministerpräsident oder Ulla Schmidt eine Bundesministerin werden konnte? Auch dies sollten Fragen in einer Demokratie und in einem Rechtsstaat sein. Im Westen stellt man solche Fragen nicht, und im Osten sind diese alten Geschichten der Wessis praktisch unbekannt.

Der Riss geht längst durch die konformistische Presselandschaft des Landes, durch "die Lügenpresse", wie man bei Pegida und der AfD sagt. Auch in diesen Tagen gab man den Fans dieses Begriffs neues, wohlschmeckendes Kraftfutter. 1990 waren es nicht wenige ehemalige DDR-Journalisten - von denen wider Erwarten viele ihren Job behalten konnten - die sich schworen, nie wieder falsch zu berichten, schon gar nicht auf Befehl von oben, oder noch schlimmer, weil es "so erwartet" wird. Ich war selbst auf so einer Feier im Frühjahr 1990 in der Lokalredaktion Flöha der Freien Presse anwesend. Alle im Raum waren absolut sicher, dass sie - nun im Westen - nie wieder falsch berichten werden.

"Aber darunter rumoren die untoten Fragen meiner Vergangenheit. Das kreist immer alles um Neuanfang, Schuld, Vergebung", reflektiert der Journalist Alexander Osang noch 2010 zu seinen Anfängen im Ost-Berlin der DDR. Im Grunde war es auch egal, was er schrieb. Das Zeitungsabo, das in der DDR faktisch nichts kostete, hielt man sich für den Sportteil, die Kleinanzeigen und den Veranstaltungskalender, genau in dieser Reihenfolge. "Die Menschen, die nicht dabei waren, wollen unbedingt begreifen und festlegen, wer ich damals war", setzt er zum West-Ost-Problem nach. In seinem Beststeller "Die Nachrichten", vermutlich der stärkste Wende-Roman überhaupt, spiegelt Osang seine eigenen Selbstzweifel, obwohl der Held des Buches längst ein Star der deutschen Medienlandschaft ist wie er es selbst gleich nach der Wende wurde. Osang ist vor kurzem in Israel abgetaucht, um dort als SPIEGEL-Korrespondent zu arbeiten. So richtig verwundert ist man nicht. In Israel ist zwei plus zwei noch vier.

Im Herbst 2015 mussten sich die älteren ostdeutschen Redakteure, die noch aktiv sind, so allmählich von ihrem Schwur verabschieden. Torsten Kleditzsch, der Chefredakteur der Freien Presse, ist in seinen Anfängen auch ein DDR-Journalist gewesen, und er kennt noch die Problematik von Artikeln, in denen die relevanten Fakten aus ideologischen Gründen falsch waren. Wir kommen noch auf ihn zurück. Im Westen hat man das nie so eng gesehen. Harald Martenstein, Starkolumnist vom Tagesspiegel und in gleicher Tätigkeit als Gast bei der ZEIT, war einst Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei. Heute wirft ihm Stefan Niggemeier von der Medienpolizei uebermedien.de vor, dass er in einigen Kolumnen der AfD beistehe. Ob das so stimmt, ist eine andere Geschichte. Und überhaupt: Martenstein sei einer dieser alten, weißen, heterosexuellen Männer. Das ist so ziemlich das Allerletzte auf diesem Planeten. Niggemeier kann eines Tages auch einer dieser alten, weißen Männer sein, aber er ist wenigstens schwul. Die ideologischen Risse sind längst in den Redaktionen von SPIEGEL und ZEIT angekommen.

Zwischen Sommer und Herbst 2015 traten plötzlich aus dem Nichts neue Formen von Alltagskriminalität in Chemnitz auf. Damals durfte noch nicht die Herkunft der Tatverdächtigen und Täter genannt werden. Die Chemnitzer glaubten seinerzeit, die jungen Deutschen seien über Nacht verrückt geworden: Diebstähle, Raub, sexuelle Belästigung, Einbruchsserien, Bedrohungen, Körperverletzungen, Raubüberfälle am helllichten Tag, plötzlich wurde hundert Meter rechts vom Rathaus im Stadthallenpark gedealt. Nur wenige trauten das "den Flüchtlingen" zu, auch wenn es bald erste Gerüchte gab, die in diese Richtung wiesen. Ein Jahr später wurde im Städtischen Kulturkaufhaus TIETZ nicht nur gedealt, sondern es gab Beschaffungsprostitution und Belästigungen der Besucher, die Stadtbibliothek und Naturkundemuseum aufsuchen wollten. Ein achtköpfiger Sicherheitsdienst musste engagiert werden, zeitweilig wurde das WLAN abgestellt, abends gab es Zugangskontrollen für die Vernissage in der Neuen Sächsischen Galerie oder zur Lesung im Veranstaltungssaal. Das Problem waren minderjährige Flüchtlinge und zu einem geringeren Teil ihre rauschgiftabhängigen Kunden. Man diskutierte, beschönigte, relativierte in der Spitze der Stadtverwaltung. Doch es ging immer weiter. Am 22. August dieses Jahres führte die Polizei im Chemnitzer Problemstadtteil Sonnenberg mit einer Razzia gegen Kinder- und Jugendbanden mit Migrationshintergrund durch. Es gibt Erkenntnisse, dass eine dieser Banden hat ihren Operationsradius inzwischen in den Nobelstadtteil Kaßberg ausgedehnt hat. Da gibt es nach Zehn mehr zu holen als auf dem ärmlichen Sonnenberg, genau dann, wenn die Gäste aus den vier, fünf In-Lokalen in ihre schönen Altbauwohnungen wanken. Überhaupt: Die Liste zur Flüchtlings- und Migrationskriminalität in Chemnitz erscheint endlos, die Aufzählung der Verbrechen ist ermüdend wie ernüchtern zugleich. Flüchtling und Krimineller - wie passt das zusammen?

Im Juli 2018 stufte die Polizei sieben Flächen in der City als "gefährliche Orte", im Grunde die gesamte Innenstadt von Chemnitz, denn alle diese Gebiete liegen jeweils in Fußreichweite zueinander. Kurze Zeit später beschloss der Stadtrat gegen die Stimmen der Grünen die künftige Videoüberwachung der Chemnitzer Innenstadt, um die gefühlte Sicherheit zu erhöhen. Bürger mit Statistiken abzuspeisen, dass es prozentual nur wenige Flüchtlinge seien, die Straftaten begingen, funktionierte plötzlich nicht mehr. Diese Stimmung war im Rathaus angekommen. Im Mai 2019 stehen Stadtratswahlen an, und wenn man jetzt nichts unternimmt, werden sich die Mehrheiten völlig verschieben und die informelle Koalition von Rot-Rot-Grün ist nur noch eine Episode der jüngeren Stadtgeschichte.

 
 
Von der DKP-Mitglied zum angeblichen AfD-Unterstützer: Kolumnist Harald Martenstein, hier vor einer Veranstaltung auf der Buchmesse Leipzig im Jahr 2017, ist einer dieser weißen, alter, heterosexuellen Männer, die angeblich das Schlimmste für diesen Planeten sind.
 

Dass eine derartige Verschlechterung der Sicherheitssituation in einer ehemals sehr sicheren Stadt, die im Bundesvergleich Kriminalitätsraten einer schläfrigen gated Community aufwies, von einem Teil der Bürgerschaft mit extremen Kommentaren und Vollstrecker-Forderungen gekontert wird, ist unnötig. Doch dass diese Formen der Massenkriminalität mit aufgestockter Polizeipräsenz, mehr Sozialarbeitern und neuen Integrationsprojekten eingedämmt werden können, daran glauben inzwischen wohl nicht mal mehr jene Politiker, die genau das öffentlich diese Woche zum x-ten Male verkündeten. Und mit der vielfach parallel geäußerten Verknüpfung, dass Kritik an der Kriminalität von Ausländern ausländerfeindlich sei, weil ja auch Deutsche Verbrechen begehen, machen sie alles noch schlimmer. Nebenbei stärken sie jene Partei, die in ihrer Bekämpfungsagenda einsam ganz oben steht. Inzwischen melden die Agenturen, dass die AfD bundesweit auf 17 Prozent komme. Ein Problem des Ostens oder des Freistaates Sachsen? Man wird die AfD mit Leichtigkeit noch bundesweit auf 25 Prozent treiben können, wenn man nicht aufhört, die Kritiker der Flüchtlings- und Migrationspolitik von Angela Merkel weiter in die Naziecke zu schieben. An diesem Konstrukt der Beschimpfung und indirekten Beschuldigung des Bürgers für unliebsame Vorgänge, dessen theoretisch-praktische Grundlagen übrigens in Obrigkeitsstaaten und Diktaturen liegen (Lenin und Stalin waren die Meister darin), haben zahlreiche Journalisten in diesem Land mitgewirkt, bis hin zu jenen Mediengrößen, die der Bürger aus eigener Tasche finanzieren muss. Die vergangenen zehn Tage in Politik und Medien zeigen, dass man nichts verstanden hat.

Torsten Kleditzsch ist alles andere als ein Mann für extreme Kommentare. Er äußerte sich am 28. August 2018 auf Deutschlandfunk Kultur (DFK) im Gespräch mit Ursula Weidenfeld und Anke Schaefer über die Vorgänge am zurückliegenden Sonntagnachmittag und Montagabend in Chemnitz. Das Bürogebäude der Tageszeitung, deren Redaktion die auflagenstärkste Zeitung in Ostdeutschland produziert, liegt auf der anderen Straßenseite des Tatortes, an dem der Chemnitzer Daniel H. zwei Nächte zuvor offenbar von einem Flüchtling aus Syrien und einem Flüchtling aus dem Irak bei einem mutmaßlichen Raubversuch erstochen wurde. Auch die beiden Demonstrationsorte vom Montag sind nur wenige Meter von seinem Arbeitsplatz entfernt. Mehr als erstaunlich ist, dass Kleditzsch' nüchterne Beschreibungen der Vorgänge in Chemnitz, die in ihren Kernaussagen voller Brisanz waren, bis heute in den etablierten Medien Deutschlands nur wenig Resonanz erhalten haben.

Von spektakulären Bewertungen kritischer Ereignisse hat sich der erfahrene, seriöse Journalist Kleditzsch meistens ferngehalten. Doch dieses Mal findet er eine gänzlich andere Einschätzung zu den angeblichen "Hetzjagden auf Ausländer" sowie den "Ausschreitungen" durch Neonazis: "Hier ist noch jeder Stein auf dem anderen. Wir hatten hier keine Zustände wie in Hamburg G20." Man spürte ihm sein Unwohlsein an, als er das sagte, denn in nahezu allen Medien in Deutschland das Gegenteil behauptet. Fakt ist zu diesem Zeitpunkt schon mal, dass es die bei Ausschreitungen üblichen Zerstörungen und Personenschäden nicht gegeben hat. Straßenschlachten und schwerverletzte Polizisten, brennende Autos oder geplünderte Geschäfte haben nicht im Ansatz stattgefunden. Nicht eine einzige Scheibe ist zu Bruch gegangen, höchst ungewöhnlich, wenn nach Meinung von Bundeskanzlerin Merkel Zusammenrottungen stattfanden und ein Mob durch die Straßen gezogen sei. Dass bei dieser Montagsdemo unappetitliche wie dumme Losungen und Parolen ausgegeben wurden, ist unstrittig, Straftaten wie das Zeigen des Hitler-Grußes gab es ebenso. Dass bei der Demonstration von Pro Chemnitz Neonazis dabei waren, kann als genauso sicher gelten wie die Tatsache, dass bei der Gegendemo gewaltbereite Autonome aufliefen. Die Masse der Teilnehmer dürften auf beiden Seiten normale Bürger gewesen sein, freilich mit unterschiedlichen politischen Ansichten, auch in der Bewertung tagesaktueller Themen. Sonst war am Dienstagvormittag nichts im Stadtbild zu erkennen, was auf die Vorgänge vom Sonntag und Montag hindeuten könnte, außer der blumen- und kerzenübersäte Tatort an der Brückenstraße, der einstigen Karl-Marx-Allee, der immer größere Radien annahm.

An gleicher Stelle bewegten sich am Dienstag danach Flüchtlinge, Migranten und Ausländer genauso sicher wie vor dem Mord in der Samstagnacht. Tagsüber. Nachts sind vor allem Deutsche dort nicht mehr sicher, auch eine Form von Rassismus, wie manche lakonisch meinen. Selbstverständlich dürfte sein, dass man als Ausländer, der eine politische Verfolgung oder Gewalt in seinem Heimatland als Grund für ein Asyl in Deutschland angibt, keine Verbrechen in seinem Gastland begeht, egal, wer die Opfer sind. Das Verschwinden der Sicherheit im öffentlichen Raum ist für viele Bürger der wahre Bankrott des Rechtsstaates. Dass man an einem Geldautomaten inzwischen nicht nur ausgeraubt, sondern umgebracht werden kann, würden Weltreisende eher in Johannesburg, Sao Paulo oder Guatemala-Stadt verorten. Das hätte sich auch in Chemnitz noch vor kurzer Zeit niemand träumen lassen.

"Für den Sonntagnachmittag, wo sehr schnell von Hetzjagden die Rede war, das haben wir hier nicht beobachtet. Wir waren mit unseren Leuten draußen. Es gab Angriffe aus der Demonstration, einzelne Angriffe auf Migranten, auf Polizisten und auf Linke auch. Das waren aber sehr vereinzelte Fälle aus dieser Demonstration heraus und das hatte mit einer Hetzjagd, mit dem wörtlichen Sinne, nichts zu tun", ergänzte Kleditzsch auf DFK. Diese Einschätzung teilten nicht wenige der Augenzeugen, die erstaunt waren, was sie kurz darauf in den Leitmedien zu lesen und zu hören bekamen. Deren Beschreibungen der Chemnitzer Demos waren diametral zu den wirklichen Vorgängen. Auch zahlreiche Vertreter der Politik in Stadt, Freistaat und Bund verwendeten ungeprüft fehlerhafte Agenturmeldungen oder einfach nur Posts aus den sozialen Medien, die man nun glauben wollte. Am Donnerstagabend wurde die Behauptung von Hetzjagden und Gewalt von Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) vor Chemnitzer Bürgern zum "Sachsengespräch" mit Vertretern der sächsischen Staatsregierung nochmals kolportiert, obwohl die neuen Fakten längst auf dem Tisch lagen. Hatte Log Torsten Kleditzsch gelogen, als Chef der Freien Presse, deren Redakteure lange Zeit in der Mehrzahl glühende Befürworter der Flüchtlingspolitik von Angela Merkel waren? Hatte man die Oberbürgermeisterin nicht auf die anderen Informationen hingewiesen? Und sie wiederholte, dass nun Ausländer nicht mehr nach Chemnitz kommen, weil sie Angst hätten, auf die Straße zu gehen und dass man doch so dringend Fachkräfte brauche.

 
 
Torsten Kleditzsch, hier bei einer Veranstaltung der Adenauer-Stiftzung als Vertreter des Preisträgers, ist Chefredakteur der Freien Presse in Chemnitz. Seine Bewertung der Vorgänge in Chemnitz am 26. und 27. August 2018 ist fundamental anders ausgefallen als die Berichterstattung in den meisten Medien in Deutschland. Das Komische ist, dass seine Redaktion in Chemnitz sitzt.
 
 

Dieses Bild ist mehrfach schief. Fakt ist zumindest beim heutigen Stand, dass Flüchtlinge einen Chemnitzer umgebracht haben und zwei weitere Chemnitzer mit Messerstichen, darunter in den Kopf, schwer verletzt haben. Und ein Fachkräfteproblem hat der Osten nie gehabt, denn die gab es ausreichend, damals. Man hat sie im Westen bis heute immer gern eingestellt. Eigentlich alle, die temporär oder für immer dahin wechselten: Facharbeiter oder Studiert, egal. Der Osten hat aber bis zum heutigen Tag ein schweres Problem mit schlechter Bezahlung und das unbewältigte Erbe, dass die erfahrenen Westmanager der Treuhand mindestens eine Million bestens qualifizierte Ostdeutsche in die Arbeitslosigkeit oder in den Vorruhestand geschickt haben, aus dem man nie wieder zurückkommen durfte. Das müsste eine ostdeutsche Oberbürgermeisterin wie Barbara Ludwig wissen. Nun kam es zu lauten Buh-Rufen aus dem Publikum. Auffällig erscheint bei allen Wortmeldungen, dass der bis zum Überdruss verwendete Modebegriff "Vielfalt" (diversity) von den Politikern der deutschen Fortschrittsparteien plötzlich gemieden wird.

Die ganze Szene wirkte leicht bizarr, denn das "Sachsengespräch" fand im VIP-Raum des neuen Fußballstadions statt, das ein Baustein für den Aufstieg des Chemnitzer Fußballclubs in die 2. Bundesliga sein sollte. Die nagelneue Arena bildete mit unerwartet hohen Betriebskosten schließlich einen Grund, dass der CFC in den Bankrott ging und nun in der Regionalliga spielen muss. Die Arena war ein Prestigeprojekt von OB Ludwig, das man ihr von interessierter Seite eingeredet haben soll, denn ursprünglich war sie dagegen. Die sonntäglichen Proteste gegen Gewaltkriminalität von Flüchtlingen nach dem Tod von Daniel H. sollen von der CFC-Ultravereinigung Kaotic ausgelöst worden sein, die aber schon länger Stadionverbot habe und nicht mehr existiere, wie Insider der Fanszene meinen.

Kleditzsch äußerte sich im Gespräch mit DFK auch ungewohnt selbstkritisch über seine Branche, die seit Jahren unter Auflagen- und Reichweitenverlusten zu leiden hat, was wiederum mit einer ideologielastigen Berichterstattung zur Innenpolitik, der überheblichen wie unrealistischen Bewertung der Politik ausländischer Staatsführer sowie der permanenten Beschwörung einer hohen inneren Sicherheit in Deutschland in Verbindung stehen könnte, was man gern mit Statistiken verdeutlicht. Dass mit Statistiken überhaupt keine treffende Einschätzung der Kriminalität möglich ist und erst recht nicht das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung abgebildet wird, müsste auch Journalisten bekannt sein. Denn in dieser Statistik wird der Diebstahl einer Tube Zahnpasta genauso mit "1" gesetzt wie ein Raub, eine Vergewaltigung oder ein Mord. Millionenschwere Ideologen wie Jakob Augstein scheuen sich dennoch nicht, auf spiegel.de das Volk für seine Dummheit zu beschimpfen, obwohl es doch nun Schwarz auf Weiß lesen könne, dass die Kriminalität in Deutschland im Jahr 2017 im Vergleich zum Vorjahr gesunken sei. Doch um das wirklich zu analysieren, benötigt man Polizeiliche Lagebilder. Und das Bundeslagebild zur "Kriminalität im Kontext vom Zuwanderung 2017" des Bundeskriminalamtes ist in vielen Teilen ernüchternd.

Auch die Bundesregierung, deren Vertreter sich die Version der Hetzjagden und Ausschreitungen in Chemnitz ohne Abstriche zu eigen gemacht haben, kam beim Chemnitzer Chefredakteur schlecht weg: "Aber natürlich: Wenn Medien schnell Begriffe, die vielleicht ein Blog mal hochgepustet hat, wie eine Hetzjagd, immer weitertragen und das dann auch die Bundesregierung in ihrem Statement verwendet und die Leute hier sehen, das habe ich irgendwie anders wahrgenommen, dann trägt das nicht dazu bei, die Lage zu deeskalieren, sondern trägt weiter dazu bei, dass auch das Vertrauen in die etablierten Medien eher nicht gestärkt wird." Nach dieser Einschätzung brach DFK-Moderatorin Anke Schaefer das Gespräch abrupt ab.

Warum man mit offenkundigen Fake News die Lage in Chemnitz noch weiter anheizen wollte, erschloss sich dem normalen Bürger freilich nicht. Dass nicht wenige Teilnehmer der Montagsdemo vermutlich nicht aus fremdenfeindlichen Motiven schweigend mitliefen, sondern gegen die in ihren Augen überbordende Kriminalität von Flüchtlingen und Migranten protestierten, die nun auch in Chemnitz zu einem Mord geführt hat, bleibt ungesagt. Andere Teilnehmer stoßen sich prinzipiell an der Migrations- und Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin, die Angela Merkel in ihren Grundzügen vom Sommer 2015 bis heute fortgesetzt hat. Wie aus Umfragen überdeutlich zu entnehmen ist, hat sie dafür längst keine Mehrheit mehr im deutschen Volk und in Europa schon gar nicht. "Wenn sich das Volk von einer Idee abwendet, ist die Idee verloren", äußerte der jüngste SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz. Und diese Idee der offenen Grenzen für alle ist verloren. In Brüssel macht man den Irrsinn komplett. Jean-Claude Juncker verkündet in einem Anfall von Superpopulismus, dass das europäische Volk für die Abschaffung der Sommerzeit plädiert, und unterschlägt dabei, dass es sich um eine banale Online-Umfrage mit lächerlicher Beteiligung handelte. "Die Menschen wollen das, wir machen das", sagte der EU-Ratspräsident dem ZDF. Schon für diese Äußerung müsste Juncker den Oscar für den Politikerwitz des Jahrhunderts entgegennehmen. Wann hat man in Brüssel jemals den Willen "der Menschen" umgesetzt? Wahr ist, dass rund 4,6 Millionen EU-Bürger an der Abstimmung teilgenommen haben - von 511 Millionen. Solche Formen von Politik werden sich noch bitter rächen. Andere sagen, dass Juncker doch mal eine Online-Abstimmung zur Flüchtlingspolitik der EU ansetzen und dann das Ergebnis binnen Tagen umsetzen soll. Die Wahlbeteiligung würde riesig ausfallen.

Am Mittwochnachmittag suchten drei Mitarbeiter eines ZDF-Kamerateams nach den Spuren der Ausschreitungen auf der Brückenstraße. Sie fanden nichts, was sie deutlich nervös machte, nicht einmal einen umgekippten Blumentopf. Aber sie trafen dann auf einen jungen, offenbar arabischen Flüchtling und führten ein Interview. Das lief normal und war in den Aussagen vorhersehbar wie belanglos. Der Flüchtling formulierte seine Meinung genau so, wie es der immer ernst und besorgt dreinblickende Claus Kleber und seine Variante der Aktuellen Kamera, wie immer mehr Ostdeutsche lästern, für das Flüchtlings- und Migrationsthema benötigt. Doch es gibt auch Ausländer in Chemnitz, die die Dinge völlig anders sehen. Es sind jene, die in der Stadt arbeiten oder an der TU Chemnitz studieren. Sie wollen mit der kriminellen ausländischen Community, die überwiegend einen muslimischen Hintergrund hat, nichts zu tun haben. Das sprechen nicht wenige hinter vorgehaltener Hand aus. Sie fühlen sich im Übrigen nicht von den Deutschen bedroht, sondern von den anderen.

Am Donnerstag befasste sich Maybrit Illner in ihrer ZDF-Show mit den Chemnitzer Vorgängen. Bereits die Anmoderation strotzte vor parteiischen Vorwürfen gegen die Chemnitzer Bürger und ebenso an Unwahrheiten über die angeblichen Zusammenrottungen und Pogrome. Der folgende Videoeinspieler war in der Machart des "Schwarzen Kanals" von Karl-Eduard von Schnitzler gehalten, selbst die Farbkanäle hatte man verfälscht, damit mehr Schwarz und Grau rauskam, dazu wurde Dramamusik unterlegt. Wieder fielen die Behauptungen von den Jagdszenen gegen Ausländer und Ausschreitungen auf den Straßen von Chemnitz, ohne den geringsten Beweis zu liefern. "Chemnitz: Erweiterte Sippenhaft, vollstreckt von Chemnitzer Bürgern, Pegida-Anhängern und Neonazis. Arm in Arm. Eine neue Volksfront aus Hass und Rassismus?" heißt es aus dem Off. Weiß es die ehemalige DDR-Journalistin Illner wirklich nicht besser? Hatte sie nicht auch einmal öffentlich bekundet, dass es wichtig sei, bei der Wahrheit zu bleiben? Nein, sie hat es vergessen, vielleicht, weil sie für das ZDF arbeitet und dafür sehr viel Geld erhält. Gebührengeld, eingetrieben bei ihren Zuschauern, auch von den Chemnitzern, auch von den Sachsen.

Bislang existiert nämlich nur ein Videoschnippsel, aus dem im Grunde überhaupt nichts zu entnehmen ist. Und selbst dieser Take, den angeblich eine "Gruppe Antifa Zeckenbiss" online gestellt haben soll, ist möglicherweise eine Bearbeitung. "Es liegen keine Belege dafür vor, dass das im Internet kursierende Video zu diesem angeblichen Vorfall authentisch ist", der Chef des Verfassungsschutzes Hans-Georg Maaßen am 7.9.18 auf zeit.de. So weit muss man nicht gehen, aber es scheint, dass man die wenigen Sekunden aus einer längeren Sequenz rausgeschnitten hat, denn in dieser Fassung ergibt die Aufnahme keinen Sinn. Inzwischen wird in Presse und Politik mehr über Maaßen diskutiert als über die offenkundige Lüge aus dem Kanzleramt, dass Merkel und Seifert davon sprachen, dass sie "über Videos von Hetzjagden" auf Ausländer in Chemnitz verfügen würden. Eine Ablenkungsdiskussion von einem unglaublichen Skandal: Die Kanzlerin und ihr Sprecher beschuldigen die Chemnitzer vor Deutschland und der Welt aus offenbar politischen Motiven eines üblichen Verbrechens: Sie hätten "Hetzjagden gegen Ausländer" durchgeführt. Dafür habe man Beweisvideos.

Die Herkunft des einzigen relevanten Videoschnippsels bleibt bislang unklar, ebenso der Verdacht, dass einer der Männer, der den Fotografen demonstrativ den Hitlergruß gezeigt hat, möglicherweise ein Provokateur aus der linken Szene gewesen sei. Inzwischen hat man auf seiner Hand ein Tattoo mit dem Kürzel "RAF" erkannt. Beim Nachrichtenportal t-online.de wurde diese Aufnahme sofort als Fotomontage der Rechten eingeschätzt. Am 6.9.18 veröffentlichte man eine gedrechselte Entschuldigung: Denn das Foto war echt. Auch bei einem zweiten "Hitler-Grüßer" steht der Verdacht des Provokateurs weiterhin im Raum.

Die von Illners Gästen geäußerten Meinungen waren selbst bei wohlwollender Betrachtung, mit Ausnahme jener von Antje Hermenau, nichts anderes als hohle Phrasen. "Wir müssen den Resonanzraum der Demokraten vergrößern", sagte der Politologe Michael Nattke. "Es muss sowas wie ein Ruck durch das Land gehen", äußerte der Parlamentarische Staatssekretär Marco Wanderwitz (CDU) typisch opportunistisch, denn er will noch viele Jahre gut und gerne von der Politik leben. Der Rechtsextremismus-Experte Olaf Sundemeyer, der live aus Chemnitz berichtete, berichtete nicht, sondern setzte die parteiischen Vorwürfe gegen die rassistischen Chemnitzer fort: Diese hätten sich "wissentlich hinter gewaltbereite Hooligans, Rechtsextremisten geschart". Unklar bliebe, ob er am bewussten Montag überhaupt vor Ort war. Im Hintergrund der Demos würde im Übrigen die AfD die Strippen ziehen, um bei der Landtagswahl noch besser abzuschneiden. Auch diesen Beweis blieb er schuldig, aber damit qualifiziert man sich für die nächste Zuschaltung.

Ex-AfDler Matthias Manthei bestritt dann die deutlich erhöhte Zahl von Messerangriffen in Deutschland, was nachweislich falsch und im Zusammenhang mit einem Problem der Sendung, dem Messermord an einem Deutschen, mehr als pietätlos ist. "Wenn der Hitlergruß gezeigt wird, dann muss ich von einer solchen Demo sofort verschwinden", ergänzte er. Da hatte er zweifellos recht, doch was macht man, wenn sich - wie am vergangenen Montag - gewaltbereite Autonome unter die Kundgebung von "Chemnitz nazifrei" mischen? Die lehnen die Demokratie und den Rechtsstaat rundherum ab. Müsste man nach dieser Logik nicht auch sofort diese Kundgebung verlassen? Da kommt dann wieder die gute alte kommunistische Dialektik ins Spiel, mit der sich unversöhnliche Widersprüche zu einem festen Ganzen völlig ohne Gottesglauben verschmelzen lassen. Die Dialektik braucht in Wahrheit niemand, die Leute wollen die Fakten hören, die Wahrheit. "Die Wahrheit ist immer besser als alles andere", sagte rückblickend Alexander Jakowlew, die graue Eminenz hinter Gorbatschow und einer der Architekten von Glasnost und Perestroika. Doch die Wahrheit interessierte das Gros von Illners Gästen im Grunde Null. Unter Null. Sie machen auf Ideologie. Justizministerin Katharina Barley (SPD) meinte vorwurfsvoll: "Es geht generell um den Unterschied zwischen gefühlter und realer Wahrheit." Das klingt fast nach Orwells 1984. Dort hätten es die Angestellten im Ministerium für Wahrheit (Miniwahr) nicht genauer formulieren können.

Für den Paukenschlag bei Maybrit Illner sorgte Antje Hermenau, ehemalige Fraktionschefin von Bündnis 90 / Die Grünen im Landtag von Sachsen: "Der besorgte Bürger wurde verspottet und verhöhnt. Die Sachsen wurden als ganze Gruppe diffamiert... - Es gibt Frauen, die sich nicht mehr sicher fühlen. Die Sicherheit hat sich nicht nur gefühlt verschärft, sondern real. Handeln ist besser als reden." Hermenau hat recht. Wer sich nur ein bisschen in der Realität umhört, wird das Thema innere Sicherheit als allererstes Problem vernehmen. Der Gag ist, dass Hermenau einst von den Grünen gefeuert wurde, weil sie in Sachsen eine Koalition mit der CDU anstrebte. Genau dieses Konzept sollte und soll nun auf Bundesebene dazu dienen, Merkels Form der CDU an der Macht zu halten, und andererseits die Grünen wieder an die großen Schalthebel bringen.

Am Donnerstagsmittag kontaktierte mich ein Reporter der Funke-Mediengruppe. Wir unterhielten uns dann etwas länger am Telefon über die Ereignisse vom Sonntag und Montag. Er bat um ein Zitat über den sächsischen Ministerpräsidenten Kretschmer. Am Abend wollte er am "Sachsengespräch" im Fußballstadion teilnehmen. Ich lud ihn ein, danach noch im Morgner-Archiv im Nobelstadtteil Kaßberg vorbeizuschauen, wo die Vernissage von Thomas Merkel lief. Dort könne er ein bürgerliches Chemnitz erleben, hervorragende Kunst, klassische Musik von Debussy, gespielt von Musikern der Schumann-Philharmonie, angenehme Chemnitzer, alles im Ambiente eines der schönsten Jugendstilreihenhäuser in Sachsen. Er wolle sich das überlegen, ja, doch. Er kam natürlich nicht - wie erwartet, denn das andere Chemnitz gibt es ja plötzlich nicht mehr. Und das Zitat wurde natürlich auch nicht genommen - wie erwartet. Die Zeilen klangen für die Funke-Journalisten vermutlich noch zu positiv, obwohl sie eher differenzierend verfasst waren. Das passte nicht ins Bild. Denn eine gängige Theorie lautet, dass die sächsische CDU mit ihrer jahrelangen Ignoranz die Mitschuld am Erstarken der Rechten in Sachsen trage. Jetzt steht Kretschmer auf der Abschussliste. Darüber freut man sich auch bei seinen politischen Konkurrenten in Sachsen, denn man hofft, Beute bei den CDU-Wählern zu machen. Ob das aufgeht, darf man bezweifeln. Bisher profitiert im Wesentlichen nur die AfD und zu einem kleinen Teil die FDP. Die SPD unter Wirtschaftsminister Martin Dulig, der gern mit schulmeisterlichen wie nichtssagenden Auftritten polarisiert, liegt in der jüngsten INSA-Umfrage irgendwo bei 11 Prozent. Auch die Linke, die in Sachsen traditionell stark ist, rutscht um einen Prozentpunkt hinter ihr Ergebnis der Landtagswahl 2014.

 
 
"Aber darunter rumoren die untoten Fragen meiner Vergangenheit. Das kreist immer alles um Neuanfang, Schuld, Vergebung", sagte der Journalist Alexander Osang, hier vor einer Lesung im Januar 2011 im Tivoli in Freiberg, noch 2010 zu seinen Anfängen im Ost-Berlin der DDR. "Die Menschen, die nicht dabei waren, wollen unbedingt begreifen und festlegen, wer ich damals war", setzt er zum West-Ost-Problem nach.
 

 

Am Freitag kam dann Bundesfamilienministerin Giffey (SPD) stellvertretend für die Bundesregierung in die Stadt. Ihr Pressestatement vor dem Rathaus war in weiten Teilen ein Offenbarungseid: "Und ich möchte erinnern, vor allen Dingen auch an diejenigen, die jetzt im Schmerz sind, für den, der verstorben ist, aber für die, die verletzt worden sind…" Das waren die einzigen Worte, die sie über einen ermordeten Bürger und zwei Schwerverletzten fand, für "den" und für "die", für "den", der "verstorben" ist. Nein, er verstarb nicht einfach so, er wurde ermordet. Nicht Deutsche, nicht Chemnitzer sind die Opfer, sondern "den" und "die". Es ist ausgeschlossen, dass sie von "dem" oder "die" gesprochen hätte, wenn Neonazis einen Syrer ermordet und zwei irakische Flüchtlinge schwer verletzt hätten. Mit Messern. Wieder fielen die üblichen Sätze, die nicht nur in diesem Augenblick für niemanden etwas bedeuten. Die Zivilgesellschaft solle gefördert werden, alle, die für ein weltoffenes Chemnitz stehen, wolle man zusammenbringen, das Bundesprogramm "Demokratie leben" müsse stärker kommen, man wolle mehr miteinander reden. Allgemeinplätze, hohle Phrasen und Worthülsen. Sie sprach wie Egon Krenz im Frühherbst '89. Und es kam noch besser: "Wir stehen zusammen, dafür, dass Chemnitz und auch Sachsen mehr ist als ein brauner Mob." Geht's noch?

Ein Hermeneutik-Grundseminar möchte man vielen Politikern anraten, Franziska Giffey ganz besonders, denn sie setzte noch einen drauf: "Manche sagen, Chemnitz ist vielleicht für Deutschland wie das, was die Rütli-Schule für Neukölln war. Das mag sein." Ein noch dümmerer Vergleich fiel ihr in diesem Augenblick offenbar nicht ein, weil sie vor ihrem neuen Amt als Bezirksbürgermeisterin von Neu-Kölln als Quotenostfrau der SPD in ein Ministeramt der Bundesregierung stolperte. Die Rütli-Schule wurde deutschlandweit bekannt, weil Intensivtäter und Schüler mit Migrationshintergrund die Lehrerschaft und Mitschüler terrorisierten und den Unterricht zur Farce werden ließen. Dieser Vergleich ist so bescheuert, dass selbst Giffeys Parteifreunde sie fragen müssten, ob sie damit meint, dass die Chemnitzer von ausländischen Intensivtätern terrorisiert werden, die man nun in bessere Schulen schicken müsse, damit sie zur Besinnung kommen. Oder meint sie gar, dass die Chemnitzer die ausländischen Intensivtäter sind, die ihre Flüchtlinge, die sie aufgenommen haben, mit Gewalt traktieren? Und dass die Flüchtlinge jetzt ihre neuen Lehrer werden, um sie über den Rechtsstaat, Religionsfreiheit, Demokratie und korrektes Behandeln von Frauen in der Öffentlichkeit schulen? Überhaupt wirkte dieser ganze Auftritt vor der Presse grotesk, auch weil Giffey und OB Barbara Ludwig mehrfach um das Vertrauen der Bürger warben. "Das Wort Vertrauen ist nichts mehr wert. Wenn heute ein Politiker auf einem öffentlichen Podium äußern würde: Ich bitte um euer Vertrauen, würde er ausgelacht werden, ganz egal wie ehrlich er es gemeint hätte", hat der südafrikanische Weltautor J. M. Coetzee präzise die Crux formuliert.

Giffey folgte der doppelten Moral ihrer Parteifreundin Manuela Schwesig, die ihr Kind in Schwerin nicht auf einer weiterführenden Schule ihres Bundeslandes, das sie leitet, sondern in einer freien Schule angemeldet hat, vermutlich, damit es noch ein paar Jahre von der Realitäten der Migration verschont bleibt, die in freien Schulen unbekannt sind. "Jeder Täter muss die Konsequenzen unseres Rechtsstaates spüren", erklärte die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern zu Chemnitz 2018. Man lasse es aber auch nicht zu, "dass Straftaten Einzelner für pogromartige Ausschreitungen genutzt werden". Dass der Begriff "Pogrom" heute für alles Mögliche verwendet wird, ist eine antisemitische Begriffsgeschichte, die auch zur Relativierung der europäischen Judenverfolgungen genutzt wird. Noch einmal für Frau Schwesig: Pogrome waren schwer gewalttätige Ausschreitungen gegen Juden in Ost- und Mitteleuropa, die schon vor dem Holocaust, den die Nationalsozialisten durchführten, eine hohe Zahl von Toten, Verletzten, Beraubten und Vertriebenen forderten. Sie wurden im Zarenreich nicht selten von der Regierung gesteuert. Pogrome fanden in Chemnitz sicher nicht statt, auch nicht "pogromartige Ausschreitungen".

Dass man sich in ideologischen Fragen womöglich vollkommen getäuscht hat, ist für die meisten Menschen wohl genauso schmerzlich wie für Ehepartner, die einen Tag vor der silbernen Hochzeit kapieren, dass sie seit 25 Jahren mit dem falschen Mann oder der falschen Frau zusammenleben. Und das will keiner zugeben, dass man sich geirrt hat. Den falschen Anfang hinter sich zu lassen, ist aus einer bestimmten Perspektive das schmerzlichste überhaupt. Also macht man weiter wie bisher, haut sich und anderen die Taschen voll, bis alles endgültig zusammenkracht.

Dass der Wind binnen Stunden wieder mal gedreht hatte, zeigt das runderneuerte Statement von OB Barbara Ludwig am Freitag vor dem Rathaus. Sie spricht nach Frau Giffey, und sie klang völlig anders als die Tage zuvor. So hätten ihr Besucher der Diskussionsrunde im Stadion berichtet, dass sie aus Besorgnis an der Montagsdemo teilgenommen haben und keine Rechten seien. Sie nehme das an, und sie wolle jetzt Gesprächsangebote für diese Bürger eröffnen, die sich über die Sicherheitsprobleme in der Innenstadt Gedanken machen, ein Ort, der nun auch für Mord steht. Diese Sicherheitsprobleme in Chemnitz räumte sie nun ein, auch die berechtigten Ängste von Frauen im öffentlichen Raum. Wer für diese Ängste der Frauen verantwortlich ist, blieb wieder mal unausgesprochen.

Dass es am vergangenen Sonntag und Montag Straftaten wie das Zeigen des Hitler-Grußes gab, aber keine Hetzjagden und Ausschreitungen, wie es Torsten Kleditzsch korrekt beschrieb, war zu diesem Zeitpunkt längst ein Fakt. Es gab Trauer und Hass, sinnlose Parolen wie "Ausländer raus", aber viel häufiger Rufe wie "Merkel muss weg" und "Lügenpresse". Damit gerate angeblich der Rechtsstaat in Gefahr. Als Christoph Schlingensief 1996 im Berliner Prater "Tötet Helmut Kohl" erschallen ließ, war das natürlich große Kunst und Satire und Kritik überhaupt. Dort enthauptete man auch eine Helmut-Kohl-Puppe, die man vorher malträtiert hatte. "Wenn sich jemand verletzt fühlt, tut uns das leid", äußerte Dramaturg Matthias Lilienthal hämisch, nachdem Kultursenator Radunski den Intendanten Frank Castorf angerufen hatte, was das solle. Kohl hasste man damals in der Kunstszene, allerdings nicht ganz so wie heute Donald Trump und Alexander Gauland, der in Karl-Marx-Stadt an der Friedrich-Engels-Schule auf dem Kaßberg sein Abitur abgelegt hat, bevor er in den Westen ging, weil man ihm offenbar ein Studium verwehrte.

Die Polizisten waren entgegen anders lautender Pressemeldungen zur bewussten Chemnitzer Montagsdemo zu keiner Zeit überfordert. Am 31.8.18 erschien auf bild.de wieder eine Zusammenfassung der Vorgänge, in der nicht ein einziger Beweis für Hetzjagden und Ausschreitungen geliefert, aber genau das wieder behauptet wurde. Wenn es unser Bundespräsident sage, der gern mit einer Wagenkolonne durchs Land reist, dass man denken muss, dass nun Putin und Trump zusammen unterwegs sind, muss es ja stimmen. Viele Chemnitzer und Sachsen hatten nun freilich das Gefühl gewonnen, dass die Geschehnisse nach dem Raubmord an einem Deutschen durch einen Flüchtling zu einer nun "berechtigten Kampagne" von Politik und Medien gegen die AfD genutzt wird und sie dafür herhalten müssen. Die Ursachen, warum Deutsche, vielleicht mit Bauchschmerzen, bei der AfD ihr Kreuzchen machen, will man erst einmal nicht beheben. Man könne reden darüber, vielleicht, irgendwo im Hinterzimmer. Bei Facebook kursiert dieser Tage ein Witz auf einer dieser Schrifttafeln: "Ich bin AfD-Wähler. Logisch, als CDU-Mitglied."

Auch Jan Böhmermann war nun aus seinem Sommerschlaf erwacht und hatte schnell einen Sachsen-Hass-Song produziert. Er ist für alle, die keinen Bildungshintergrund haben, der große Pop-Ideologe, und es deutet so einiges darauf hin, dass er selbst keinen hat. Seine Studiowitze im "NEO Magazin Royale" auf ZDF neo liegen in der Preislage eines Knüllers in einem Heidi-Kabel-Stück, und sein Studiopublikum klatscht begeistert auf die Schenkel wie einst die Rentner im Ohnsorg-Theater, wenn sie den subtilen Dreh des ganz schwierigen Gags erkennen. Er ist der Oliver Welke in schlank und mit Bart, ja, jener Oliver Welke, der sich in seiner infantilen Heute-Show über einen stotternden AfD-Politiker lustig machte. Als dann herauskam, dass dieser AfD-Mann seit Kindheitstagen dieses Handicap hat, was in Wahrheit auch seiner Redaktion bekannt war, hing er in der schleimigen Moraltinte fest. Die Geschichte hat man runtergespielt, vergessen, aus der Mediathek gelöscht. Man stelle sich vor, was passiert wäre, wenn Beatrice von Storch einen stotternden Flüchtling aus Ghana oder Afghanistan in einem Video lächerlich gemacht hätte. Aber politische Korrektheit ist immer nur Pflicht für die anderen. Als der große Böhmermann nach seinem Erdogan-Verarschungsgedicht von kriminellen türkischen Banden bedroht wurde, rannte er schnell zur deutschen Polizei, die ihm Personenschutz gab und zeitweise sogar ins Ausland gebracht haben soll. Jetzt warten wir auf sein Verarschungslied für muslimische Verbrecherclans, oder noch besser, über Erdogan-Wähler, am besten in Türkisch. Aber wir wissen: Das wird sich Böhmermann nicht wagen. Die Chemnitzer und die Sachsen werden ihn unbehelligt lassen, denn sie jagen ja nur Ausländer und Andersaussehende, und deshalb kann er so richtig mutig draufhauen.

 
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Interceptor - der Thriller von Jay Michel Ellis Repro: Galerie grounded
 
Die deutsche Hauptstadt vibriert im Spätsommer 2015 als Weltmetropole von Politik und Kunst. Zur gleichen Zeit ziehen durch Osteuropa kolossale Menschenströme aus dem Nahen Osten, Mittelasien und Afrika, geleitet durch Schlepperbanden und bestärkt durch leichtsinnig agierende Regierungen, die Ausmaß und Motive der Wanderung auf eine ideologische Weise interpretieren. Das Ziel der Migranten sind die reichen Länder Westeuropas. Im Berliner Kanzleramt berauscht man sich an einem späten Augustabend im engsten Kreis um Kanzlerin Barbara Weller an einer riskanten Idee, über deren mögliche Folgen man sich zunächst keine Gedanken machen will. Mit der weltweiten Verkündung einer offenen deutschen Grenze und einer oberflächlichen Integration der Migranten will die Bundeskanzlerin die Kandidatur als neue UNO-Generalsekretärin anbahnen. Ein Triumvirat beschließt in einer informellen Beratung, die Realität zu kuratieren. Aber die Geheimoperation entwickelt bald ein ungeplantes Eigenleben. Ein Verschwörungsthriller als Referenz an "Ghostwriter" von Robert Harris.

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Präzise wie das Zentrale Fernsehen Moskau-Ostankino in den Jahren unter Breshnew scheint das Team der Tagesschau zu arbeiten, wie auf bild.de vom 3. September zu lesen war. Die Hamburger Edeljournalisten spielten zur Berichterstattung von der vorangegangen AfD-Demo aus Chemnitz, der neuen Stadt der Bewegung, vom Sonnabend ein altes Video vom Montag ein, um die Nazi-Gesinnung der Teilnehmer dem Gebührenzahler zu beweisen. Als der Schwindel aufflog, heulten Moderatorin Caren Miosga und Chefredakteur Kai Gniffke Krokodilstränen: "Das Publikum muss sich darauf verlassen können, dass wir ein Versäumnis wie am Samstag von uns aus transparent machen. Das ist Teil unserer Qualitätskultur, so sehr wir selbst darüber unglücklich sind." Es erscheint völlig unglaubwürdig, dass aus Versehen ein Video vom Montag in die Aufnahmen vom Sonnabend rutscht, wo für die ARD nicht nur eine große Mannschaft vor Ort war, sondern im Hintergrund eine riesige Redaktion in Hamburg wirkt. Es ist die gleiche Redaktion, die am 30. August auf tagesschau.de dem anonymen politischen Gegner angebliche Fake News aus drittklassigen wie belanglosen Quellen zu den Ereignissen von Chemnitz nachwies.

In Chemnitzer WhatsApp-Gruppen kursiert seit einigen Tagen wieder mal ein Klassiker aus jener Freien Presse, allerdings vom 9. Oktober 1989. Am 7. Oktober hatten Chemnitzer und Plauener Bürger friedlich gegen die Diktatur des Proletariats unter Führung der Staatspartei protestiert. Schon die "Gezielte Provokation" in der Hauptzeile zeigt den direkten Weg zum Verständnis an. Diese seltsame Technik haben viele Journalisten seit dem Sommer 2015 übernommen: mit der Überschrift eines Artikels zu zeigen, welche Gesinnung man hat, dass man auf der richtigen Seite steht und was der Leser bitteschön von einem Ereignis zu halten hat. "Durch Provokateure von langer Hand vorbereitet, kam es am 7. Oktober 1989 in der Bezirksstadt und in Plauen zu Ausschreitungen. Dank der entschlossenen und besonnenen Haltung gesellschaftlicher Kräfte waren diese Provokationen zum Scheitern verurteilt. In den Vormittagsstunden rotteten sich am Luxor-Palast in Karl-Marx-Stadt mehrere hundert Personen zusammen. Sie störten die Veranstaltung der Städtischen Theater Karl-Marx-Stadt, erzwangen Einlaß in die Kulturstädte und behinderten den Ablauf des Theaterprogramms des Theaterensembles… Daß die Provokation von langer Hand vorbereitet wurde, belegt die Tatsache, daß sich unter den Anstiftern Personen aus anderen Kreisen des Bezirkes bzw. aus anderen Bezirken befanden… Initiiert von Personen, die der gleichen Szene zuzurechnen sind, kam es am Nachmittag des 7. Oktober in Plauen zu einer Zusammenrottung von mehreren hundert Personen. Sie zogen durch die Innenstadt zum Rathaus, setzten einen PKW in Brand und demolierten ein Löschfahrzeug der Feuerwehr… Das besonnene Handeln der Sicherheitsorgane, die das von den Provokateuren bedrängte Rathaus und die Sicherheit der Bürger schützten, verhinderte Schlimmeres."

Nichts davon entsprach der Wahrheit. Beide Kundgebungen verliefen friedlich, in Wirklichkeit wurden Demonstranten niedergeknüppelt und etliche festgenommen. Das demolierte Löschfahrzeug der Feuerwehr war ein Wasserwerfer der Polizei, der aufgrund eines technischen Defekts wegen jahrelanger Nichtbenutzung liegengeblieben war. Torsten Kleditzsch kennt diesen Artikel, und es nicht völlig auszuschließen, dass die Bewertung der Ereignisse vom vergangenen Sonntag und Montag ein Grund für seine asymmetrische Einschätzung der Chemnitzer Geschehnisse darstellte. Man beachte das Wort "Zusammenrottung", dass, was die Chemnitzer nach Meinung der Bundeskanzlerin nun wiederholt haben.

 
 
In Chemnitzer WhatsApp-Gruppen kursiert seit vorgestern wieder mal ein alter Artikel aus der Freien Presse vom 9. Oktober 1989. Damals protestierten Chemnitzer und Plauener Bürger friedlich gegen die Diktatur des Proletariats unter Führung der Staatspartei. Schon die "Gezielte Provokation" in der Hauptzeile zeigt den direkten Weg zum Verständnis an.
 
 

Am Sonntag darauf lief auf dem Marktplatz eine Kundgebung der evangelischen Kirche mit rund 1.000 Teilnehmern. Auf freiepresse.de vom 2. September wurde berichtet, dass die Angehörigen von Daniel H. einen Kondolenzbesuch von Ministerpräsident Kretschmer und Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig abgelehnten: "Aus Sorge offenbar, auch ein solcher Besuch könne als Instrumentalisierung betrachtet werden, die nicht im Sinne der Angehörigen sei". Die Oberbürgermeisterin wolle aber nun, "um die Gräben zu überwinden", "ausdrücklich auch jenen die Hand reichen, die sich aus Trauer, Sorge und Verzweiflung am vergangenen Montag an der Demonstration von Pro Chemnitz beteiligt hätten und erschrocken gewesen seien, dass dort rechtsextreme Parolen gerufen und der Hitlergruß gezeigt wurden: "Wenn das einmal passiert, ist es nicht schlimm", sagte Ludwig, die eine solche Teilnahme bis Donnerstag vergangener Woche sehr wohl noch als schlimm befand. Es ist aber weder die Aufgabe, noch das Recht der Oberbürgermeisterin, Bürgern eine ideologisch-politische Absolution zu erteilen.

Bei den Rettungsplanern in Chemnitz erinnerte man sich nun schnell an das gute, alte Protestkonzert, dessen Höhepunkte in den 70ern und 80ern lagen, um die Zivilgesellschaft zur Großdemonstration für alles zu bewegen. Den Organisatoren war dabei längst klar, dass die Sache hundertprozentig laufen würde. Die Wetterprognosen waren hervorragend, und Tickets brauchte man nicht. Während die Toten Hosen, die immer noch einen Punkstatus vorgaukeln, inzwischen für ein Konzertticket locker ab 50 Euro aufwärts verlangen, würde man sie nun kostenlos erleben dürfen. Und Kraftklub, Marteria, Casper und nicht zuletzt Feine Sahne Fischfilet gab es noch gratis obendrauf, also ein Gratisticket im Wert von gut und gerne 80 Euro. Einen Tag später buchte auf eine größere Fläche um, weil es auf Facebook so viele Zusagen gibt. Der große ostdeutsche Aufmarschplatz vor dem Karl-Marx-Monument, wo ganz früher die offizielle Kundgebung zum 1. Mai stattfand, war nicht mehr groß genug. Allerdings befindet sich auch der Tatort des Mordes an Daniel H. auf der gleichen Straße, keine zweihundert Meter entfernt.

Für den besonders subtilen Spaß hatte man Feine Sahne Fischfilet gewonnen. Die Rocker von der Küste gelten als dezidierte Gegner westlicher Demokratie und des Rechtsstaates. Aus diesem Grund wurde auch unser Bundespräsident in einigen Medien kritisiert, dass er eine Kapelle auf seinem Twitter-Account promotete, die dem linksextremistischen Lager zugerechnet wird. Alles halb so schlimm, wie am 2. September im "Faktencheck" von Marcel Görmann auf merkur.de zu lesen war: "Da die Band auch schon auf Platz 3 der Albumcharts stand, sei wohl alles geklärt: "Es handelt sich also nicht um eine Band aus der linksradikalen Randszene, sondern um eine der populärsten Rockbands dieses Landes." Mit dieser wissenschaftlichen Betrachtung waren endlich auch die Onkelz und Frei.Wild rehabilitiert. Die standen sogar schon auf Platz 1.

Wenn Millionäre wie Hosen-Shooter Campino, von dem nicht bekannt ist, dass er auch nur einen Flüchtling auf eigene Rechnung in seinem Düsseldorfer Loft oder in seiner Berliner Zweitwohnung aufgenommen und Brot gegeben hat, ihre vorhersagbaren Sprüche aus der Stratosphäre der Popstars verkünden, könnten sich mittelalte Ostdeutsche an "Rock für den Frieden" erinnern, zu dem Honecker in den "Palast der Republik" einlud. Dann ist Campino mit seinen gefärbten Augenbrauen kein anderer als Dieter "Maschine" Birr von den Puhdys, die immer die ostdeutschen Stones sein wollten, aber vor allem immer auf der richtigen Seite standen. Denn das war nicht nur gut fürs Geschäft. Hätten sie nicht weiter richtig mitgespielt, wäre nach den üblichen Verwarnungen nicht nur der Berufsausweis für Musiker, sondern auch der Reisepass für den Westen eingezogen worden.

 
 
Ein weggeworfenes Themenelement der Kundgebung für Demokratie und Rechtsstaat auf der Bahnhofstraße in Chemnitz, 1.9.18, 21.10 Uhr.
 

Die damaligen Ost-Punkbands weigerten sich, bei "Rock für den Frieden" aufzutreten. Nicht, weil sie gegen den Frieden waren, sondern weil sie spürten, dass sie benutzt werden sollten, um das zweifelnde Volk zu beleiern. Gegen den Frieden waren damals die Scharfmacher in Moskau und Washington und ihre Vasallen in den Satellitenstaaten des Warschauer Pakts und der NATO, indem sie Stellvertreterkriege inszenierten wie in Afghanistan oder zwischen dem Irak und dem Iran, Konfrontationen, deren dramatische Folgen bis in die unmittelbare Gegenwart reichen. Für die etablierten Bands, deren Musikern in der Bühnenfront man ansah, wie unwohl sie sich bei der Sache fühlten, war die Teilnahme bei "Rock für den Frieden" Pflicht. Nach dem offiziellen Halali und der Scheckübergabe im Org.-Büro saßen dann die deutschen demokratischen Rockstars in den holzverkleideten Partykellern ihrer Einfamilienhäuser in Pankow und Kleinmachnow und soffen aus Frust über den Blödsinn. Dann legten sie auf Radeberger und Johnny Walker einen Schwur ab, dort nie wieder hinzugehen, doch im nächsten Jahr standen sie wieder pünktlich auf der Bühne. Denn jeder hat eben nicht nur eine Moral, sondern auch ein Bankkonto.

Auf dem Parkplatz neben dem Johannisplatz bauten die Roadis am Sonnabend gleich nach "Herz statt Hetze" schon in der Nacht die Bühne für das Protestkonzert "Rock für die Demokratie und für den Rechtsstaat" auf, damit die Helden am folgenden Montag von ihrem Bühnenthron zum fast vollzählig angetretenen Volk sprechen und ihre neuen Produkte promoten können. Vielleicht war das alles ein großes Missverständnis. Erfolgreiche und privilegierte Popstars wie die Jungs von Kraftklub oder Caspar und Marteria, die Modells geehelicht haben, und seit Jahren auf der Sonnenseite des Lebens stehen, taugen nicht automatisch als glänzende Leitfiguren für eine gerechtere Gesellschaft. Auch von ihnen ist nicht bekannt, dass sie einen Flüchtling aus Somalia, Eritrea, Afghanistan oder Syrien aufgenommen und dessen Leben finanzieren, bis er selbst für sich sorgen kann. Nur damit könnten sie den einfachen Leuten, denen mit Mindestlohn, die mit den Scheißjobs, die keiner machen will und die im Osten immer Ostdeutsche machen, oder der Unterschicht beweisen, dass sie wirklich etwas für Flüchtlinge und Integration tun.

 
 
 
"Wenn neue Intendanten ihr Programm vorstellen, habe ich häufig den Eindruck, dass Amnesty International, die Obdachlosenhilfe und das Flüchtlingshilfswerk einen gemeinsamen Zukunftsort kreiert haben. Was aber komplett vergessen wird: es handelt sich um ein Theater. Diese Kollegen biedern sich einerseits dem Zeitgeist an und ignorieren andererseits die Aufgaben des Theaters. Dahinter verbirgt sich eine große Lüge. Es wird niemandem geholfen, es wird nur so getan. Und Theater verliebt sich dann in diese sozialen Projekte, die nichts anderes sind als eitle Pose. Deshalb habe ich immer ein doppelt übles Gefühl, wenn ich davon höre oder lese. Damit schafft sich das Theater ab", sagte Michael Thalheimer, hier bei einem Pariser Gastspiel im Mai 2010, im November 2015 der Westdeutschen Zeitung. Fotos (8): Kreißig
 
 

"Wenn neue Intendanten ihr Programm vorstellen, habe ich häufig den Eindruck, dass Amnesty International, die Obdachlosenhilfe und das Flüchtlingshilfswerk einen gemeinsamen Zukunftsort kreiert haben. Was aber komplett vergessen wird: es handelt sich um ein Theater. Diese Kollegen biedern sich einerseits dem Zeitgeist an und ignorieren andererseits die Aufgaben des Theaters. Dahinter verbirgt sich eine große Lüge. Es wird niemandem geholfen, es wird nur so getan. Und Theater verliebt sich dann in diese sozialen Projekte, die nichts anderes sind als eitle Pose. Deshalb habe ich immer ein doppelt übles Gefühl, wenn ich davon höre oder lese. Damit schafft sich das Theater ab", sagte Michael Thalheimer im November 2015 der Westdeutschen Zeitung. Der Hausregisseur des Berliner Ensembles, der seine Regieweltkarriere Ende der 90er in Chemnitz, ein paar Meter vom Johannisplatz entfernt, begann, sah in weiser Voraussicht die Entwicklungen vorher. Für die Verbrechensopfer vom vergangenen Wochenende, für die Flüchtlinge und Migranten in der Stadt, aber genauso für Neonazis und Rassisten sind solche Polit-Potpourris nichts anderes als folgenloses Theater, dessen Reste am Dienstag von Roadies, Müllmännern und Pfandflaschensammlern weggeräumt wurden wie Sonnabendnacht nach den Demos in der Chemnitzer Innenstadt.

Inzwischen hatte sich auch Weltverbesserer Bono direkt aus seinem Berliner U2-Mega-Konzert zugeschalten und die Chemnitzer getadelt. Als vor einiger Zeit herauskam, dass der irische Milliardär tatsächlich die legendären Briefkastenfirmen in der Karibik zur Steueroptimierung nutzt, schob er die Schuld auf die offensichtlich übermotivierten Angestellten in seiner Finanzabteilung. Schon letzteres war ein Gag für sich. Bono, du altes Leder, möchte man rufen, halt einfach deine Klappe und zieh dich zurück in die Master-Suite deiner 61-Meter-Yacht "Kingdom Come", mit der du so gern vor Cap Ferrat kreuzt.

"Links sein muss man sich leisten können", brachte Jan Fleischhauer am 18. August den alten, wahrhaftigen Kalauer wieder mal auf spiegel.de unter. Den hatte er zuvor das letzte Mal wohl am 5. Mai 2015 an gleicher Stelle genutzt. Das war die unwiederbringliche Zeit, als Deutschland noch nicht gespalten war, und der Streik der Eisenbahner eine Art Folkloreperformance abbildete. "Links sein muss man sich leisten können, wie es so schön heißt. Die linke Idee, so wie sie sich heute präsentiert, ist eher ein Projekt für Leute, die ihre Schäfchen im Trockenen haben - oder aber so wenig besitzen, dass es nicht mehr darauf ankommt. Für alle andern, also die große Mehrheit, ist das Ganze eine ziemlich anstrengende Veranstaltung, von der sie weniger haben, als sie vielleicht dachten. Wer sich beklagt, wird an die Pflicht zur Solidarität erinnert. So hat man zum Schaden auch noch den Spott", schrieb Fleischhauer im schönen Mai des Jahres 2015. "Die Schutzmacht der kleinen Leute war traditionell die Sozialdemokratie. Aber darauf kann man sich schon lange nicht mehr verlassen. Eine Partei, in der als größter historischer Erfolg seit der Durchsetzung von Wahlen für alle die Installation einer Frauenquote für Aufsichtsräte gilt, hat nach meiner Überzeugung den Bezug zur Wirklichkeit verloren", ergänzte der SPIEGEL-Redakteur. Aber da ging noch mehr. SPD-Justizministerin Katarina Barley wollte auch den Familiennachzug für islamistische Gefährder ermöglichen. Erst als sich ein Sturm der Entrüstung zusammenbraute und sie von einigen SPD-Bundestagsabgeordneten darauf hingewiesen wurde, dass sie auf eine Wiederwahl angewiesen sind, um ihren Lebensstandard zu halten, ruderte das Ministerium zurück. Noch mehr kann man nicht abheben. Nicht mal Campino. Höchstens Bono. Links sein muss man sich eben leisten können.

Nach 20 Minuten sei das "Line up" für "wir sind mehr" im Sack gewesen, hieß es auf der Pressekonferenz vor dem Konzert. Damit kommen wir wieder zur "Rock-für-den Frieden"-Grundsatzfrage. Was wäre, wenn rauskäme, dass man als angefragter Szene-Künstler geantwortet hätte, dass man da nicht mitmachen wolle, aus dem einen oder aus dem anderen Grund. Oder einfach so, weil man in einem freien Land nicht überall mitmachen muss. Dieser Künstler oder diese Band wären doch dann gegen die Demokratie und gegen Flüchtlinge gewesen, und man hätte sie öffentlich an den Pranger stellen können.

Es sollte dann alles so ein bisschen werden, wie wenn Hollywood-Stars zur Protestdemo für das Volk in Downtown Manhattan ein wütendes Statement gegen Donald Trump absondern, um dann zum Helikopter zu eilen, damit sie rechtzeitig zur Watermill-Center-Benefizparty der Milliardäre und Celebrities in den Hamptons eintreffen, um nicht die Kunst-Auktion mit Simon de Pury zu verpassen. Es ist nur alles drei oder vier Nummern kleiner ausgefallen. Beim populären Kosmonaut-Musikfestival im Stadtteil Rabenstein, das einst von den Chemnitzer Kraftklub-Boys mitbegründet wurde, gibt es immer den "geheimen Headliner". Nach seiner Wortmeldung dachte man kurz, dass sich Bono vielleicht auf die lichtgrauen Ledersitze eines Business-Hubschraubers schwingt und am Montag noch rechtzeitig vor dem Karl-Marx-Monument in Chemnitz landet, um dann hinüber zum Johannisplatz zu eilen. Dann hätte er aus der großen Torte auf der Bühne springen und die einzig richtige Botschaft überbringen können, die Jesus Christus gewählt hätte und als dessen leibhaftige Reinkarnation, natürlich mit Sonnenbrille, er sich versteht: "In the Name of Love".

 
 
Die Band Kraftklub sind die jungen Chemnitzer Helden, und sie laden auch am 3. September zum Protestkonzert ein. Wir sehen sie hier in der Erstbesetzung beim Videodreh von "Zu jung" am 19. März in der Galerie grounded inChemnitz. Als der Song ein Hit wurde, drehte man das Video neu, die Erstfassung wurde vermutlich nie veröffentlicht.
 
 

Am Abend waren dann Zehntausende vor Ort, die verbreitete Zahl von 65.000 Zuschauern darf man freilich getrost bezweifeln. Aber diese Zahl sagt auch nichts aus, weil es sich eben um ein Gratiskonzert handelte. Hätte man 40 Euro Eintritt verlangt, was bei diesem "Line up" ein günstiger Obolus gewesen wäre, und diesen Betrag aufgeteilt in jeweils 10 Euro für die Kosten für Bühne, Technik und Sicherheit, 10 Euro für ein Flüchtlingsprojekt außerhalb Deutschlands, 10 Euro für die Hinterbliebenen des ermordeten Deutschen und 10 Euro für ein Demokratieprojekt, warum man in seinem Gastland nicht kriminell wird, kann man sich gut vorstellen, wie viele sich mit dieser durchaus nachvollziehbaren Finanzaufteilung am Chemnitzer Johannisplatz eingefunden hätten. Stattdessen verkündete Sören Uhle (SPD), Chef der Stadttochter CWE, dass die Sachkosten des Konzerts über Spenden beglichen werden. Woher die Spenden kamen, blieb unklar, ebenso, warum sie bereits am Veranstaltungstag bei der CWE auf dem Konto waren.

Casper und Marteria hatten wie befürchtet kein Problem, Songs von ihrem nagelneuen Gemeinschaftsalbum "1982" zu promoten, das am 30. August erschienen ist. Mit "Champion" oder "Adrenalin" lohnte sich für das Duo die Rechnung wieder. So funktionieren Protest und die Kontostandserhöhung. Dann zog Campino mit seinen Punk-Vorruheständlern das Geschehen an sich, das muss man ihm lassen. Witzig war, dass Teile des Jungvolkes beim ersten Song der Hosen nach hinten abtraten. Doch alles wurde routiniert abgespult, das kann Campino so gut wie kein anderer. Bono kam dann noch nicht, er musste eine Stimmverletzung in einem Berliner Fünf-Sterne-Hotel unter Hilfe eines Privatarztes auskurieren. Die geheimen Headliner waren nur Rod González von den Ärzten sowie Arnim Teutoburg-Weiß, Sänger der Beatsteaks. Warum nun ausgerechnet die, wusste keiner so recht, aber da sie nun einmal da waren, durften sie mitmachen, obwohl man bei "Schrei nach Liebe" weder den Bass von Rod vernahm, noch die Stimme von Armin. Aber vielleicht sollte das auch die große Fusion der besten Band Deutschlands mit der zweitbesten Band Deutschlands und der drittbesten Band Deutschlands sein. Dann war Schluss, wobei man noch "Alerta Alerta Antifascista" in die Nacht rufen musste.

Für Historiker ist dieser Spruch nicht so richtig nachvollziehbar. Nach allen historischen Fakten war der Nationalsozialismus in jeder Hinsicht brutaler als die faschistischen Regime in Italien, in Portugal, in Rumänien, in der Slowakei, in Spanien oder Ungarn, wenn man diese Einordnung wählen will. Deshalb verbietet sich die Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Faschismus. Es gibt allerdings auch russische Historiker, die wissenschaftliche und nicht ideologische Faschismus-Definitionen anwenden, und dann feststellen, dass nach diesen Kriterien nicht nur die Diktatoren der genannten Länder darunter fallen, sondern die ersten Faschisten Lenin und Trotzki waren. Aber Fakten sind eben etwas Törichtes.

Anhand der Spenden, die man am Konzertabend im Publikum einsammelte, lässt sich einiges ablesen, wieviel den Konzertbesuchern die Sache wert war. Dabei kamen nach offizieller Mitteilung genau 22.106,41 Euro zusammen, die hälftig an die Familie des deutschen Mordopfers sowie an zwei linke Projekte gehen sollen. Bei den ebenso offiziell verkündeten 65.000 Zuschauern ist hier ein Betrag von 34 Cent pro Kopf übrig geblieben. Bei einem Gratis-Konzert. Wahnsinn.

 
 
Campino, dessen Zeiten als Punkmusiker in seiner ersten Band ZK Lichtjahre zurückliegen, hat es immer noch drauf, Konzertbesucher wie hier zum Chemnitzer Soli-Konzert zum Springen und Mitbrülllen zu animieren, auch wenn eine Frau in den besten Jahren nach dem Auftritt der Toten Hosen locker kommentiert: "In Bayreuth hat es mir besser gefallen."
 

Inzwischen kursiert im Internet ein Video vom Chemnitzer Auftritt der Hiphopperformation K.I.Z, das für Belustigung oder Entsetzen sorgt, je nach Weltanschauung. "Ich ramm die Messerklinge in die Journalistenfresse" oder "Trete deiner Frau in den Bauch, fresse die Fehlgeburt" und "Sei mein Gast, nimm ein Glas von mei'm Urin und entspann dich, zwei Huren in jedem Arm mit Trisomie einundzwanzig" wird da gedichtet. Ein gelungener Beitrag nach einem Messermord und umstrittenen Demonstrationen, auch für Gewaltfreiheit, für Rechtsstaat und die Demokratie. Dann ficken die Buben von K.I.Z noch Eva Hermann von hinten grün und blau, denn diese AfD-Milf hat es nicht anders verdient. Klar, das ist Kunst. Das ist Protest gegen Nazis, Rassisten und Gewalttäter.

Als das Proletariat bereits den vollständig vermüllten Johannisplatz wieder sauber bekommen hatte, bahnte sich die Wende an. Nicht die geistig-moralische, sondern die Wende bei den Fakten. Oberstaatsanwalt Wolfgang Klein, Pressesprecher der zuständigen Generalstaatsanwaltschaft Dresden, äußerte sich auf Anfrage gegenüber sputniksnews.com zu den Chemnitzer Hetzjagden: "Denn es ist so: Wir prüfen aktuell sämtliche verfügbare Videos der Demonstrationen in Chemnitz auf mögliche Straftaten. Und es ist tatsächlich so, dass wir - bei der bisher gesichteten Menge an Video-Material - bisher keine Hinweise auf menschliche Hetzjagden finden konnten. Jedoch: Wir prüfen immer noch. Es könnte sein, dass sich da noch Hinweise auftun werden. Wie lange der Prüfprozess dauern wird, können wir derzeit nicht sagen." Da Regierungssprecher Seibert und Kanzlerin Merkel öffentlich behaupteten, dass sie über entsprechende Videos verfügen, wäre es eine Pflicht, der Dresdner Generalstaatsanwaltschaft diese Aufnahmen sofort, also unverzüglich zur Verfügung zu stellen, um die Täter solch ekelhafter Taten zur Verantwortung zu ziehen. Doch gibt es dieses Material überhaupt? Nach allem, was wir bis jetzt wissen, haben diese Videos nie existiert.

Doch urplötzlich folgte eine nahezu geräuschlose Volte direkt aus dem Kanzleramt. Am 3. September veröffentlichte Steffen Seibert auf bundesregierung.de einen "Artikel" zu den Chemnitzer Vorgängen. Dort findet sich nun kein einziges Mal mehr die Bezeichnung "Hetzjagd auf Ausländer" sowie "Ausschreitungen", beides genau die verbrecherischen Taten, die Kanzlerin Merkel und Sprecher Seibert vorher den Chemnitzer unisono unterstellten. Darf man nun sagen, dass Merkel und Seibert und OB Ludwig gelogen haben? Dass Seibert den Chemnitzern plötzlich "Trauer und Besorgnis" gestattet, ist jedenfalls an Infamie kaum zu überbieten. Im Übrigen: Wir sprechen hier von der Bundeskanzlerin und ihrem hochgestellten Pressesprecher, dessen genaue Dienstbezeichnung "Chef des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung" im Rang eines beamteten Staatssekretärs lautet. Beide sind zur korrekten Beschreibung von politisch relevanten Vorgängen in Deutschland von Amtswegen verpflichtet, so lautet eine juristische Sicht. Aber vielleicht ist das auch zu viel von Politikern verlangt. Lügen tun nur immer Donald Trump, Wladimir Putin oder Alice Weidel.

Auch die deutschen Journalisten haben nahezu komplett versagt, ausgenommen Torsten Kleditzsch, ein einziger Journalist, der sich zwar vorsichtig, aber deutlich gegen die allgemeine Berichterstattung erhoben hat. Pro Tag erscheinen in deutschen Medien in Print und online und im Radio und im Fernsehen mindestens 500 Beiträge über die vielleicht wahren und falschen Lügen von Trump, Assad, Orban und Putin. Aber wenn man im eigenen Land mit geringsten Aufwand mal etwas tiefer recherchieren könnte, lässt man es sein. Man verkündet das, was man glauben will, was von der Chefredaktion angeordnet oder was "erwartet" wird. Nebenbei hat man die Bevölkerung einer ganzen Stadt und - wie der SPIEGEL - ein ganzes Bundesland mit Dreck beworfen und große Teile der Bevölkerung zu Rechten gemacht oder gleich als Nazis verleumdet. Diese Partei-Journalisten haben nichts kapiert, dass sie ihren eigenen Arbeitsplatz riskieren, wenn sie einen Sturm der Entrüstung produzieren, der auf Fake News gegründet ist. Bald wird niemand mehr diese Zeitungen und Zeitschriften kaufen, denn Sportberichterstattung, Kleinanzeigen und Veranstaltungstermine findet man im Internet gratis und oft schneller. Von Spielgeld, das Anzeigenbanner und aufklappende Nerv-Videos auf den Online-Auftritten einbringen, wird man geradeso die Server und den Systemadministrator bezahlen können.

Leider können die Bürger das Abo des Öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht abbestellen. Deshalb wurde eine GEZ-Verweigerin wegen nicht gezahlter Gebühren für ARD und ZDF in Höhe von 191 Euro am 4. Februar 2016 ins Frauengefängnis Chemnitz eingewiesen. Dort war die Frau aus Thüringen dann zunächst betragsfrei untergebracht. Erst nach 61 Tagen kam sie wieder frei, denn ein bisschen Strafe muss sein. Der verantwortliche Sender mdr hatte den Antrag auf Erlass des Haftbefehls zurückgezogen, offenbar, weil man befürchtete, dass damit die Diskussionen, wie skrupellos man sich im Öffentlich-rechtlichen Rundfunk beim Thema Rundfunkgebühren verhält, nicht weiter angeheizt werden. Auf die Kohle ist man dringend angewiesen, auch, um die überhöhten Honorare für Jan Böhmermann, Maybrit Illner, Claus Kleber oder Oliver Welke begleichen zu können. Aber die vergangenen Tage haben vermutlich vielen Deutschen gezeigt, dass im Öffentlich-rechtlichen Rundfunk echter, wahrhaftiger Journalismus keine Rolle mehr zu spielen scheint. Da wird auch mal das falsche Video eingespielt, damit alle erkennen, wie die Nazis in Chemnitz zusammen mit der AfD unterwegs sind. Ein Versehen, natürlich. Wie damals, im Frühherbst 1989.

Ebenso steht der deutsche Asylzirkus, so darf man es nach diversen Vorfällen inzwischen bezeichnen, mit den Chemnitzer Ereignissen in direkter Verbindung. Der bislang als Haupttäter geführte Flüchtling aus dem Irak hätte nicht nur längst abgeschoben werden können. Er tauchte auch zwischenzeitlich in den Niederlanden unter und machte Urlaub in Paris, wenn man seinem eigenen Selfie Glauben schenken will. Dass er wegen schwerer Straftaten wie Drogenhandel und Körperverletzung mehrfach vorbestraft war und dafür Bewährung hatte, ist ein zusätzlicher Umstand, der Fragen aufwirft. Auch der dritte Tatverdächtige, ein abgelehnter Asylbewerber aus dem Irak, war mehrfach vorbestraft, wie nun herauskommt. Er wurde geduldet. Die Richterin, die nach Diebstahl, Hausfriedensbruch, Drogenhandel, Beleidigung, Sachbeschädigung und nach einer schweren Körperverletzung noch einmal Bewährung gewährte, stellte auf die gezeigte "Reue" des Angeklagten ab und weil er ab sofort keine Straftaten mehr begehen wolle. Wir erinnern uns: Wegen nicht gezahlter GEZ-Gebühren in Höhe von 191 Euro kann man als deutsche Staatsbürgerin sehr wohl ins Gefängnis kommen. Inzwischen ist völlig unklar, ob er überhaupt Iraker ist, weil sein Ausweis und weitere vorgelegte Dokumente Totalfälschungen waren, was man aber erst nach einer Ewigkeit feststellte, weil es für dieses Gebiet angeblich so wenig Experten im BAMF gäbe. Wie glaubwürdig diese Ausrede ist, steht auf einem anderen Blatt.

Fakt ist inzwischen auch, dass die Angaben von jenem "Fahrhad Ramadan Ahmad" in jeder Hinsicht fragwürdig sind, wobei völlig unklar ist, ob er tatsächlich so heißt und wieso er einen zweiten Asylantrag im Jahr 2016 als angeblich minderjähriger Flüchtling stellen konnte, obwohl er offenbar volljährig war. Noch vor wenigen Tagen wurde die umstrittene Abschiebung eines Islamisten aus dem Al-Kaida-Umfeld von Journalisten sowie den Vorbetern der Rot-Rot-Grünen-Schattenkoalition als Ende des deutschen Rechtsstaates eingeschätzt. Am 31. August darauf feierten die gleichen Medienposauner die BAMF-Meldung, dass bei der Überprüfung der Bremer Außenstelle "nur 145" positive Asylbescheide manipuliert wurden, also faktisch gar keiner. Doch das war eine Fake News. Wahr ist, wie man im SPIEGEL über das Online-Organ am 7.9.18 aufdeckte, dass bei mindestens 550 Verfahren, die zwei Anwälte mit Migrationshintergrund betreuten, gelogen und getrickst wurde. Geld, denn die falschen Asylanten mussten wohl an die Anwälte "zusätzliche Gebühren" zahlen, und eine verliebte Außenstellenleiterin des BAMF spielten auch eine Rolle dabei. Es sind Zustände, die man früher mit dem Begriff der "Bananenrepublik" in Verbindung brachte.

Und überhaupt, was falsche Pässe betrifft: Wer etwas in der Welt herumgekommen ist, wird wissen, dass man auf den Flughäfen im Nicht-Schengen-Raum mit einer Ausweis- oder Passtotalfälschung sehr schnell Bekanntschaft mit dem Gefängnis machen kann, auch, weil man dort elektronische Geräte zur Analyse nutzt, die im BAMF offenbar nicht bekannt sind. Auch bei einem Chemnitzer Mittäter, dem syrischen Flüchtling, ist die Herkunft inzwischen höchst fragwürdig, denn er nutzte den Fragenbogen des BAMF. Seine Anerkennung als Kriegsflüchtling aus Syrien bezog er allein daher, weil er es "im schriftlichen Verfahren" so angegeben habe, so das Bundesinnenministerium. Syrer konnte man leicht werden, und dann hatte man seine Ruhe. Jetzt, nach einem Mord, sei man aber dabei, dies neu zu "verifizieren". Bei einer einzigen Person und erst nach einem Mord. "Mutter aller Probleme ist die Migration" soll Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) in der Klausurtagung seiner Partei geäußert haben. Auf n-tv.de wurde am 6.9.18 in Echtzeit ein Kommentar von Isso Ehrich eingespielt, in dem er Seehofer und uns allen mal geigt, wo der weltanschauliche Hammer hängt. Einen Kommentar auf diesem Level der Dummheit hätte 1989 Hans-Dieter Schütt in seiner Jungen Welt veröffentlicht. Der Unterschied wäre gewesen, dass Schütt seinen Tex in glänzender Stilistik und Sprache verfasst hätte, sodass man doch etwas unsicher werden konnte. Er wäre im Traum nicht darauf gekommen, ein solches Gestammel wie Isso Ehrich in den Satz zu geben.

Falls überhaupt die Herkunft der Straftäter im Chemnitzer Fall geklärt wird, kann man sich das Ergebnis jetzt schon denken. In der Verhandlung werden die Verteidiger auf eine Art Notwehr und Körperverletzung mit Todesfolge plädieren, sie seien provoziert worden, zudem sei eine Traumatisierung durch die Flucht nach Deutschland nicht ausgeschlossen. In ein paar Jahren sind die Fake-Refugees wieder raus. Da sie keinen Pass haben, wird sie niemand zurücknehmen. Sie werden als Geduldete auf Kosten der Steuerzahler in Deutschland bleiben, vermutlich für immer. So wie die somalischen Piraten in Hamburg, die Seeleute entführt, geschlagen und mit dem Tod bedroht haben, und nun nach den ganzen Abenteuern zur See im halbwegs sicheren Hamburg chillig auspendeln können. Ein vorsichtiger Kritiker der deutschen Asylpolitik hat die Ursachen der inakzeptablen Folgen auf einen Nenner gebracht: Die deutsche Regierung habe den Flüchtlingen vermittelt, dass sie in Deutschland alles erlauben können. Weil sie Flüchtlinge sind.

Auch die Politiker der Regierungsparteien haben nach diesen Tagen der zumindest fragwürdigen Informationspolitik immer noch nichts dazugelernt, vielleicht auch, weil sie von ihren Assistenten in der Regel keine authentischen "Pressestimmen" vorgelegt bekommen, sondern kuratierte Pressestimmen, in denen immer nur die tollen Sachen über sie und ihre Parteikaste und die schlechten Sachen über die Konkurrenz enthalten sind. So goss der ostdeutsche SPD-Politiker Carsten Schneider wieder Öl ins Feuer und warnte vor weiteren Problemen mit dem Rechtsextremismus. "Die Situation in Ostdeutschland ist fragil. Die Demokratie dort ist nicht so gefestigt, die politische Mitte nicht so stark. Ich bin sehr besorgt", sagte der aus Thüringen stammende Fraktionsgeschäftsführer der SPD im Bundestag in der Phoenix-Fernsehsendung Unter den Linden. Glaubt Schneider, der wohlversorgt seit 20 Jahren im Bundestag sitzt, wobei er dreimal über die Landesliste reinrutschte, ernsthaft an diese Ostdeutschen-Verleumdung oder rechnet er damit, dass die Ostdeutschen nun wieder schnell die SPD wählen, um die Demokratie zu retten? Schneider könnte auch andersherum fragen. Da nach landläufiger Auffassung zahlreicher Spitzenpolitiker von CDU/CSU, SPD, FDP, Linken und Grünen die AfD inzwischen die Hauptursache für den Niedergang der Demokratie in Deutschland sei, ließe sich umgekehrt behaupten, dass der Westen ein schweres Demokratieproblem aufweise, wenn er so etwas hervorbringe. Denn die AfD ist nicht nur eine Westgründung, sondern sie wird von der Gründung bis in die unmittelbare Gegenwart von Westdeutschen dominiert und gelenkt.

Auf bild.de wurde am 5. September dann noch einmal nachgewaschen: "Auch die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) sah nach eigenen Angaben, wie Menschen verfolgt wurden." Und Kanzlerin Merkel wird wiederkehrend zitiert: "Wir haben Videoaufnahmen darüber, dass es Hetzjagden gab, dass es Zusammenrottungen gab, dass es Hass auf der Straße gab, und das hat mit unserem Rechtsstaat nichts zu tun." Aber das kann auch nur ein Trick von BILD sein, um die beiden Politikerinnen bei passender Gelegenheit vorzuführen. Am 5. September gab der sächsische Ministerpräsident Kretschmer vor dem Landtag dann eine Regierungserklärung ab. Neben dem üblichen Geschwurbel war der eigentliche Kern seiner Rede ein einziger Satz: "Klar ist: Es gab keinen Mob, keine Hetzjagd und keine Pogrome." Er wird sich vorher bei seinem Justizminister erkundigt haben, ob bei der Sächsischen Generalstaatsanwaltschaft Videos und Fotos von Hetzjagden, von Zusammenrottungen und Pogromen eingetrudelt sind. Offenbar nicht.

Seit Donnerstag letzter Woche hieß es mehrfach von Seiten höhergestellter Politiker - wie damals im Spätherbst 1989 - dass man jetzt "reden" müsse. Ja, wir müssen dringend reden: über eine außer Rand und Band geratene Presse, die die Chemnitzer und Sachsen pauschal als Ausländerhetzer, Rassisten und Neonazis verunglimpft, über ein Öffentlich-rechtliches Fernsehen, das trotz großer Redaktionen offenbar Fake News verbreitet, über die Bundeskanzlerin, einen Teil ihrer Ministerriege und den Regierungssprecher, die aus politischem Kalkül das Gleiche tun, um der AfD den Garaus zu machen. Diese Entwicklung bestätigt im Übrigen den generellen Eindruck, dass in Deutschland Politiker, Journalisten und viele Intellektuelle bei der Auseinandersetzung mit illegaler Migration, Fake-Refugees oder dem politischen und radikalen Islam häufig ihren Verstand verlieren. Die Verachtung der einheimischen Unterschicht und jener Intellektuellen, die nicht bei Merkels Vorgaben mitmachen wollen, sind seit drei Jahren zudem ein integraler Bestandteil des "Antirassismus" geworden.

Auf spiegel.de kam am 5.9.18 um 19.44 Uhr die brandneue Analyse zu Kretschmer, Sachsen und Chemnitz herein. Dort zitierte man den Ministerpräsidenten mit der brisantesten Aussage das Tages. "Der Begriff stand in den vergangenen Tagen im Mittelpunkt einer Debatte", meint Alexander Sarovic zu "Hetzjagden". Aber das ist Unsinn. Nur jetzt will man daraus eine Debatte um den Begriff drehen, obwohl jeder weiß, was eine Hetzjagd ist. Auch Seibert und seine Stellvertreter wollen jetzt keine "semantische Diskussion" über das Wort "Hetzjagd" führen. "Die AfD forderte von Merkel eine Entschuldigung und die Entlassung Seiberts. Es habe keine rechten Hetzjagden gegeben. Mit seiner Einschätzung scheint Kretschmer der AfD in dieser Frage näher zu sein als der Kanzlerin", analysiert Sarovic. Freiheit bedeutet die Freiheit, zu sagen, dass zwei und zwei vier ist. Gilt dies, ergibt sich alles übrige von selbst, schrieb Orwell in seinem Jahrhundertwerk 1984. Wenn die AfD künftig also behauptet, dass zwei und zwei vier ist, die Kanzlerin als Physikerin aber meint, dass die Summe wohl nach neueren Betrachtungen Fünf sei, wofür sie im Übrigen geheime Beweisvideos im Kanzleramt aufbewahre, und weil man dieser Partei aus Prinzip nicht recht geben will, dann wäre Kretschmer wieder näher bei der AfD als bei der Kanzlerin, wenn er auch, nach Tagen der Bedenkzeit, auf Vier käme.

Nun wolle Bundeskanzlerin Angela Merkel nach Chemnitz kommen, wie Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig aktuell mitteilte. Zum Diskutieren, zum Reden, keine Ahnung wozu. Vielleicht legt Merkel jetzt die Poker-Karten auf den Tisch und verkündet vor dem Karl-Marx-Kopf, dass die Bekämpfung der AfD vom Kulturkampf-Modus nun in den Klassenkampf-Modus übergeht, wie beim sie beim RTL-Sommerinterview bereits andeutete. Dafür hat sie durchaus eine interne Begründung, denn nachdem die AfD die SPD bundesweit in den meisten Umfragen hinter sich gelassen hat, ist es zu den 22 oder 23 Prozent der CDU nicht mehr so weit. Noch interessanter war allerdings Merkels Antwort auf die Frage von Peter Klöppel, dass in der Regel der amtierende Kanzler und Parteichef in Deutschland auch wieder der Kanzlerkandidat sei, also sie selbst. Wolle sie wieder antreten? Merkels Antwort war ein Lächeln.

Es kursiert eine Theorie, dass Merkel um jeden Preis Bundeskanzlerin bleiben müsse, um nicht bei einem Ausscheiden vom Sturm danach hinweggefegt zu werden, in welcher Form auch immer. Und für die nächste Wahl soll die Faschistisierung der AfD helfen, die bereits nach Tagen im Overdrive dreht. Markus Söder, der in Bayern vor den Landtagswahlen unter Druck geraten ist, und Ilse Aigner machen da mit, weil sie eine schwierige Landtagswahl vor sich haben, aber auch der unverwüstliche Wolfgang Schäuble, der einst offenkundige Bestechungsgelder vom Waffenhändler Karlheinz Schreiber entgegennahm. Die satten 100.000 D-Mark wurden nirgendwo verbucht und verschwanden danach spurlos. Fakten sind etwas Törichtes. Der Faschistisierung der AfD liegt die politische Hoffnung zugrunde, bei der nächsten Bundestagswahl mit einer nonkonformistischen Mannschaftsaufstellung noch einmal durchzukommen. Dann könnte Merkel die Koalition neuen Typs erschaffen, um eine Mehrheit zu behalten. Mit den Grünen, der Linken und der FDP blieben sie und ihre Rest-CDU an der Macht, denn mit diesem Amalgam könnten 51 Prozent zusammenkommen. Die CSU und die Liste Wagenknecht / Aufstehen sowie die AfD würden als "rechte" Gruppierungen bzw. als "faschistische" Partei außen vor bleiben.

So ganz aus der Luft gegriffen ist dieses Szenario nicht. "Die Mitte-links-Parteien wissen nicht mehr, wo es langgeht, weil sie den Sozialstaat für alle geöffnet haben. Ihr Geschäftsmodell geht kaputt. Darum suchen sie eine neue Existenzberechtigung. Wir sind die Guten und retten Deutschland vor dem Faschismus. Sie wollen ihre Gegner und Kritiker zu Rassisten stempeln, um vom Bankrott ihrer eigenen Politik abzulenken", wird Antje Hermenau in der Weltwoche, Ausgabe 38/2018, zitiert. Dort bewertete Chefredaktor Roger Köppel die AfD-Protestdemo vom vergangenen Sonnabend und ihre Teilnehmer etwas anders als die meisten deutschen Leitmedien. Der Schweizer Köppel war vor Ort und konstatierte, dass die Polizei den bereits genehmigten Protestzug der AfD aus politischen Gründen abgebrochen habe, um das Bild einer friedlichen Demo zu verhindern, und nicht deshalb, weil eine Gruppe Linksautonomer leider die Straße blockierten.

Inzwischen versucht man, die Lüge aus dem Kanzleramt, dass in Chemnitz Hetzjagden auf Ausländer stattgefunden haben, in eine Diskussion über den Verfassungsschutz-Chef Maaßen umzuleiten. Maaßen hatte - kurz gefasst - der Öffentlichkeit mitgeteilt, dass Merkel und Seibert in der Chemnitz-Sache die Unwahrheit gesagt haben. Er hatte also verkündet, dass die Kaiserin und ihr Sprecher nackt sind, während alle im Hofstaat bekunden, dass sie die schönsten Kleider tragen. Mit einem solchen Statement können nun SPD, die Grünen und die Linke seinen Kopf fordern, als würde so das größte Problem des Landes gelöst werden. Denn niemand bezichtigt Angela Merkel ungestraft einer Lüge, auch wenn die Fakten diese Sichtweise durchaus rechtfertigen könnten. Die sehnlich erwarteten Actionvideos hat die Kanzlerin offenbar so wenig im Schreibtisch gefunden wie der sächsische Generalstaatsanwalt. Und auch das ZDF und Oliver Welke mischten wieder mit. Die Redakteure seiner Heute-Show posteten im klassischen Nazi-Sprech auf Twitter, dass Maaßen ein "Schädling" sei.

Für die Verachtung und das Herabblicken auf die Chemnitzer, die Ostdeutschen und ihre moralischen Unterstützer besteht kein Grund. Die Ostdeutschen haben es geschafft, eine Diktatur friedlich zu stürzen. Die Führung dieses Landes sollte, falls sie an der Macht bleiben will, deshalb ab und an einen Blick in die Geschichtsbücher werfen, in denen die Zeit zwischen 1945 und 1989 beschrieben wird. "Die Menschen waren mit der Parteiführung unzufrieden. Wir konnten die Menschen nicht ändern, also änderten wir die Führer." So formulierte es Alexander Dubcek, der Held des Prager Frühlings, für die Tschechen und Slowaken.

Die Stippvisite Merkels wird jedenfalls für viel Freude und Dankbarkeit bei den Chemnitzern sorgen, so viel ist jetzt schon sicher. Wird die ewige Kanzlerin dann diesen unverbesserlichen Osteuropäern noch einmal die Leviten lesen oder jetzt ihre "Ängste" ernst nehmen? Man ist gespannt. Einen Termin habe man leider noch nicht gefunden, heißt es aus dem Chemnitzer Rathaus. Irgendwie im Oktober vielleicht. Der 7. würde gut passen.

 
Uwe Kreißig
 
 
1.9.18, 23.17 Uhr. Update: 15.9.18, 16.57 Uhr.
 

 

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