Reconnaissance
Interview Mag

 
Der aristokratische Smalltalk

 

Alexander von Schönburg-Glauchau bezaubert sein Publikum in der Esche-Villa

 

Alexander Graf von Schönburg-Glauchau hat sein Publikum am ersten Juli-Abend in der Chemnitzer Villa Esche bereits nach wenigen Minuten restlos für sich eingenommen. Der Hauschef derer von Schönburg-Glauchau, die einst reichsunmittelbar waren und damit zum deutschen Hochadel gehörten, bis sie in der Mediatisierung in die zweite Abteilung gerieten, parliert lediglich etwas um die Sache, aber mit einem Charme, der sich aus Jahrhunderten speist. Seine Familie und die mittelsächsische Region verbänden an die 1.000 Jahre, die 45 fehlenden von 1945 bis 1989 würden da keine nennenswerte Rolle spielen, zumal das nicht ganz freiwillig geschah.

Da er aufgrund seiner Anstellung - von Schönburg schreibt als Abteilungsleiter bei der BILD-Zeitung - keine wirkliche Lesereise zusammen bekäme, blieben nur einzelne, gewählte Termine für die Vorstellung seiner aktuellen Buchveröffentlichung "Die Kunst des stilvollen Redens". Eine Einladung aus Südwestsachsen könne er aufgrund der tiefen familiären Verbindung - sein Vater wuchs noch auf Schloss Wechselburg bei Rochlitz auf - aber schwer abschlagen.

 
 
Aristokratisch und stilvoll, eine helle und eine leicht dunkle Seite: Alexander Graf von Schönburg-Glauchau vor dem Architekturklassiker der Villa Esche in Chemnitz. Man darf feststellen, dass diese Kombination passt. Foto: Kreißig
 
 

Thema seines Vortrags ist der Smalltalk, nur scheint es, dass er die aufgeführten Regeln der gezielten Flachheit selbst nicht einhält. Graf von Schönburg bringt dann allen Ernstes das Werk der Enzyklopädisten ins Spiel, im Ancien Régime ein Weltprojekt, heute eher eine Insidergeschichte, auch wenn man das bedauern möchte. Gleich im Anschluss geht er auf Nikolaus von Kues über, nun, auch eine Persönlichkeit der Weltgeschichte, aber längst nur noch ein Spezialfach für Historiker. 20 Minuten später kommt er über Karl Marx und harte wienerische Kaffeehausstühle noch auf den österreichischen Kapitalismustheoretiker Joseph Schumpeter. Man glaubt fast, dass er bei Karl-Heinz Manegold studiert hat, aber in Wirklichkeit lehrte man ihn dieses Spezialwissen wohl in England, wo Adel und gehobene Mittelschicht nach wie vor die beste Bildung der Welt erhalten können. Bei dem nahezu gänzlich unglamourösen Publikum in der Villa Esche schon eine leicht exaltierte Kombination. Oder Smalltalk royal.

Von Schönburg rät mehrfach von solchen Zwischenfachgebieten im Billiggespräch ab; das wirke nicht gut und verschrecke das Gegenüber oder gleich die gesamte Tischgesellschaft. Im Gegenzug empfiehlt er einen Ausschnitt von 33 Themen aus seinem Buch, mit denen man sich im Gespräch "halbwegs über Wasser halten kann". Hilfreich ist es ihn beim Umschwenken in die Normalität der Gegenwart, seine beiden Schwestern Gloria und Maia einzuführen, die Multimillionäre ehelichteten und in jenen Seiten der Medien berühmt wurden, die ihr Bruder seit einigen Jahren redaktionell betreut. Wem das nicht genug ist, der bekommt zu hören, dass Friedrich Nietzsche und Paris Hilton faktisch nacheinander dasselbe formulierten: Dass man eben nur eine bestimmte Menge Wissen in den Kopf bekäme, das sei wie mit dem Essen und dem Magen (Hilton). Diese Entdeckung machte dazwischen in ähnlicher Form auch Mao: "Wer sich in den Bücherhaufen vergräbt, dessen Wissen wird immer geringer, je mehr er studiert."

 

"Es muss möglich sein, Absurditäten sagen zu können", so von Schönburg, aber das kennt jeder aus dem Tagesalltag. Von Schönburg lehrt als Reaktionsinstrument weiter die Kunst "des scheinbar interessierten Gesichtsausdruck", die er vom Börsenguru André Kostolany abgesehen habe. In Deutschland stuft er die Kulturtechniken des Miteinanders als "unterentwickelt" ein, da will man schwerlich widersprechen. Er erläutert schließlich noch Techniken, wie man Wichtigtuer abwürgt, sowie die "Joker-Themen" im Partygespräch: der Zustand des FAZ-Feuilletons, Steuern und Kapitalismus im Allgemeinen. Wesentlich sei auch "die retrospektive Verzerrung" und dass man sich niemals für einen Fauxpas entschuldigen dürfe ("Wer sich entschuldigt, beschuldigt sich.").

Das Kondensat der Sache sei, dass man "lieber geistreich als tiefsinnig" agieren sollte, eben ganz in der Tradition des Adels, der im Kampf gegen die Langeweile mehrere Jahrhunderte zubrachte und die Sache schließlich perfektionierte. Am Ende haben sich alle Besucher (es war ausverkauft) so sehr in den durchaus gutaussehenden Grafen verliebt, dass die Warteschlange für eine Buchsignatur eher an Längenmaße aus dem Ostblock erinnert. Das ist fast schon wieder unbescheiden.

 
Uwe Kreißig
 

 

 
 
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Interceptor - der Thriller von Jay Michel Ellis ist erschienen
 
Die deutsche Hauptstadt vibriert im Spätsommer 2015 als Weltmetropole von Politik und Kunst. Zur gleichen Zeit ziehen durch Osteuropa kolossale Menschenströme aus dem Nahen Osten, Mittelasien und Afrika, geleitet durch Schlepperbanden und bestärkt durch leichtsinnig agierende Regierungen, die Ausmaß und Motive der Wanderung auf eine ideologische Weise interpretieren. Das Ziel der Migranten sind die reichen Länder Westeuropas. Im Berliner Kanzleramt berauscht man sich an einem späten Augustabend im engsten Kreis um Kanzlerin Barbara Weller an einer riskanten Idee, über deren mögliche Folgen man sich zunächst keine Gedanken machen will. Mit der weltweiten Verkündung einer offenen deutschen Grenze und einer oberflächlichen Integration der Migranten will die Bundeskanzlerin die Kandidatur als neue UNO-Generalsekretärin anbahnen. Ein Triumvirat beschließt in einer informellen Beratung, die Realität zu kuratieren. Aber die Geheimoperation entwickelt bald ein ungeplantes Eigenleben. Ein Verschwörungsthriller als Referenz an "Ghostwriter" von Robert Harris.

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